Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Qupperneq 6

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Qupperneq 6
Seine Gewandtheit hatte auf manchen von uns einen láhmenden EinfluB. Er dichtete so gut, daö sie keine Freude mehr daran hatten, selbst zu dichten, da sie empfanden, wie viel besser es ihm gelang. Wenigstens ging es dem Verfasser dieser Zeilen so. Eine Wahrsagerin traf ihn einmal in diesen Jahren. Sie wuBte nichts von ihm, nicht wer er war und woher er war. Sie sagte ihm, es sei ihm bestimmt, der oberste Mann in semern Eande zu werden. Wir hatten in jenen Jahren keinen iibermáöigen Glauben an Prophezeiungen. Aber diese Prophezeiung schien uns, seinen Freunden, wahrhaftig. Er war der schönste, gewandteste und lebensvollste Islánder, den wir gesehen hatten. Er war, wie Snorri Stur- luson tiber 'Olaf Tryggvason sagt, der „freudigste" aller Islánder. Er schien uns ein geborenes Gliickskind. Und Ruhm und Macht sahen wir natúrlich als Gliick an. Jedenfalls brauchten wir keine Wahrsagerin dazu, um uns zu sagen, daö er unter die grööten Dichter der lslánder záhlen wiirde. Wir zweifelten nicht im geringsten, daB er das schon geworden war. Seine Gedichtsammlung kam 1893 heraus. Ich zeigte sie in Lögberg (einer islándischen Zeitung in Winnipeg) an. Dieser Artikel scheint mir das Richtige zu treffen; ich erlaube mir daher den Hauptinhalt der Anzeige zu wieder- holen: ,,Die weitaus meisten Gedichte in diesem Buch sind entstanden, bevor der Verfasser 25 Jahre alt war und in keinem islándischen Buch macht sich soviel geistige Jugend geltend wie in diesem. Nicht die Jugend, die mit der Fornt sich abquált, auch nicht die, die Gedanken bei álteren und reiferen Mánnern entlehnt. GröBere formelle Vollkommenheit als die meisten dieser Gedichte zeigen, findet sich schwerlich bei einem islándischen Dichter. Und die Ge- dichte Hannes Hafsteins sind so selbstándig, daB bald allgemein anerkannt sein wird, daB mit ihm eine neue Periode der Dichtung in unserem Volke anhebt. Es handelt sich vielmehr um die Jugend, die keine Miidigkeit kennt, die Jugend, die Kraft und LebensgenuB ohne Einschránkung liebt, ohne sich viel.um den sittlichen Wert zu kiimmern, die Jugend, die noch keine Zeit gefunden hat, die Menschheit mit ihrer Armut und Vergánglichkeit, mit ihrem Schmerz und ihrer Sehnsucht, mit ihrem Elend und Ungliick mit be- sonderer Anteilnahme zu beobachten. — Es versteht sich von selbst, und steht in untrennbarem Zusammenhang mit dem jugendlichen Charakter der Gedichte, daB der Ernst und die Erfahrung, die in ihnen sich geltend macht, geringer ist als der Geist und die Lebensfrische. Allerdings finden sich Ge- dichte in dem Buch, vorziiglich in der zweiten Hálfte, die auf einen anderen Ton gestimmt sind, als die Mehrzahl der anderen. Da ist die Unterströmung der Uebenserfahrung schwerer, der Ernst gröBer; es ist, wie wenn das Herz 34

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