Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Síða 8
Auch ist der Sarkasmus nicht zu iiberbieten in dem Gedicht iiber die Ver-
sammlung auf Þingvellir:
„Keiner findet die Fiihrer und I,eiter,
die Morgenháhne, die zum Thing geladen,"
bis aus der Versammlung nichts anderes wird, als daB: „auf dem Felde an-
gebundene Klepper umherstampfen, die Hunde Fischháute und Gráten be-
kommen und die Freiheitsfalken dariiber schweben."
Es macht auch gar nichts aus, daB alles quer geht und alle Gedanken in
Geschwátz verlorengehen, „es gibt doch noch etwas zu beiBen", oder wie
es in dem „Wiegenlied" heiBt, „wenn die I,aus nur islándisch ist, dann ist ihr
BiB eine Ehre".
Aber neben diesen Sarkasmen stehen Gedichte wie das„Liebesbekenntnis zu
Island," wo der Dichter nicht weiB, „ob die giitige Mutter oder das Mádchen-
hafte der Insel rnehr auf der Wagschale wiegt" und das Lied zum Jahr-
hundertwechsel, das zugleich eines der gefiihlvollsten und gehaltvollsten Lie-
der auf die Heimat ist, die wir haben, das jeder Islánder im Gedáchtnis
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haben sollte.
Die Tonskala reicht vom schrecklichsten Schauder iiber die dunklen Máchte
bis hinauf zur hellsten Wonne der Natur und des Debens. Schauerlich un-
heimlich ist das Gedicht „Spuk". Aber daneben stehen, nicht nur in diesem
Buch, sondern allen Islándern unvergeBlich, so glánzende lichtdurchtránkte
Naturschilderungen von H. H., daB kein islándischer Dichter sie iibertreffen
konnte, ganz abgesehen von den Versen, daB es „himmlisch ist zu leben".
Ich will mich kurz fassen. Die Skala reicht von der wilden Arbeits- und
Streitlust des kampffrohen Mannes, der auch den Schiffbruch nicht fiirchtet,
bis zur offenbaren Ermattung des erfahrenen Mannes, der fiirchtet, daB er
nicht mehr sein eigenes Eeben leben kann.
Sie reicht von der etwas leichtsinnigen Wonne an irdischer Freude bis zum
allerreinsten Preis der Diebe. Sie reicht bis zur dunkelsten Verzweiflung
und hinauf, „wo die Sonne durch den Nebel bricht und ein unklares Ahnen
mir sagt, daB die Hoffnung des Herzens sich erfiillt".
Der Weg ist weit vom bittersten Hohn und fast leichtsinniger Ausgelassen-
heit zu dem Sonnendurchblick durch den Nebel, wo der suchende und ge-
quálte Menschengeist dazu vordringt, das Rátsel des Daseins zu lösen. Viele
Zwisyhenstufen sind auf diesem Weg. Man hat den Eindruck, daB H. H. mit
all diesen Wegen vertraut ist, wenn er zu dichten beginnt. Er gibt uns
aber nur wenig Klarheit dariiber, wie seine wirkliche Eebensanschauung
tatsáchlich ist. Dafiir gibt er sich der Gemiitsregung, die ihn erfaBt, voll-
stándig hin, und das ist gewöhnlich die Eigenart groBer Dyriker. In dieser
Weise zeigt er uns den Weg tief hinein in seine reiche Seele.