Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Blaðsíða 31
ragen entgegenbringt". Die Heligion, die hier verkiindet wird, ist der Kantische Glaube
f11 ^en göttlichen Ursprung des sittlichen BewuCtseins: den guten Kampf, den wir
n'pfen, kampfen wir kraft unseres Zusammenhangs mit der Gottheit. Dies war nach
es Verfassers Uberzeugung schon der lebendige Glaube der Urarier, und diese, aber
aych die heidnischen Germanen haben ihn in einer Fiille der herrlichsten Mythen sinn-
1 ulich ausgedriickt, Mythen, die, entsprechend der Erhabenheit ihres Inhalts, am Him-
^cl spielen. Die Mythologie muB also doppelt transponiert werden, um ihren eigentlichen
Sinn
zu entratseln: ihre irdischen Bilder sind an den Himmel zu projizieren (Balders
istel ist keine Mistel, sondern die bei Sonnenuntergang im Westen auftauchende
Schmale Mondsichel) und von da weiter ins Ubersinnliche (die Baldersage will den Kampf
es Bösen gegen das Gute darstellcn). Die beiden Teile dieses Verfahrens sind jeder fiir
s‘ch wohlbekannt. Neu ist ihre Zusammenfiigung, das Sowohl — Als auch, und dies
cheint bezeichnend fiir den Verfasser, der sich vielseitig belesen und stark rezeptiv
2e,gt, geschickt, das Gelesene irgendwo zu verwerten oder doch einzuflechten, und durch-
aus nicht kritisch oder polemisch veranlagt. Damit ist iiber den Wcrt seiner Darstellung
as Wesentliche gesagt. Der Laie kann leicht geblendet werden durch die in langen
crhen aufmarschierenden Noten, die Stiicke altnordischen Urtextes in Klammern und
,e Sicherheit des Tons, deren Eindruck durch die orakelhafte Unklarheit vieler Stellen
noch gesteigert werden mag. Liest man zum SchluB noch von der ,,harten Arbeit der
mubensforschung, die mit unerbittlicher Strenge des wissenschaftliclien Mittels dem
Slch stolz bláhenden Geiste verantwortungsloser Willkiir, seichter Halbheit und Un-
""ssenheit entgegentritt", so kann man wohl zur Bcwunderung liingerissen werden, ja
noch warmeren Gefiihlen der Anhángerschaft, da dieser Schriftsteller das heimische
dsteserbe verherrlicht — im Gegensatz zur mittelmeerischen und semitischen Fremde
und die altgermanischen Dinge so heilig ernst nimmt. Dieses letzte, zusammen mit
er ehrenwerten und, ich möchte sagen, zarten Gesinnung, die sich mehrfach bekundet,
at auch fiir mich als Kritiker etwas Entwaffnendes. Es ist heutzutage selten, daB je-
n'and dem germanischen Stoff auch nur die Halfte des Interesses und auch nur ein
cnntel der Ehrfurcht widmet wie Reuter. Es wáre falsch, zu behaupten, daB er immer
dem Holzwege sei. Beifall verdient er z. B., wenn er die rein natursymbolische
cutung der Götter in ihre Schranken weist, oder wenn er auf den Charaktergegensatz
'schen Skaði und Sigyn aufmerksam macht, wobei ein Wort fállt uber die aus der
da sprechende Gesinnung, welche den Feind besiegen, aber nicht ihn quálen will.
Uler können wir uns solcher richtigen Einsichten niemals rein freuen, da sie nie zu
nde gefuhrt sind, sondern verquickt mit Falschem und Schiefem auftreten, und dies,
Wle öie ganze ungeheuerliche Hauptmasse des — Geschreibsels ist um so schwerer zu
Ze,hen, als der Verfasser den Namen der Wissenschaft schnöde miBbraucht und sich
^ 'einbar wissenschaftlich gebárdet. An der angefiihrten Stelle, wo von der Strenge des
^’s.senschaftlichen Mittels die Rede ist, liegen die Rollen in Wirkliclikeit umgekehrt:
^e]enige, der entgegengetreten wird, ist die Wissenschaft, nicht die „seichte Halbheit".
Tjas Unwissenschaftliche, Wahrheitsfeindliche beider Bánde vom Eddarátsel liegt in der
y anigkeit ihres Verfassers, die Dinge in ihrer Eigentiimlichkeit zu erfassen. Wenn
^ordlcute oder Urarier Kenntnis nchmen könntcn von dem Tiefsinn, den man im
^’stlichen 20. Jahrhundert ihren Mythen unterlegt, sie wurden nichts davon verstehen,
e])t, Wcn%sten dies, daB ihre Geschichten so miBverstanden werden konnten. Ihnen waren
^ n Dinge geláuíig, in die der heutige Leser sich crst einarbeiten oder einfuhlen muB.
e(j 0 t*les von dcr Sprache gilt (wo es kaum von jemand verkannt werden diirfte), so gilt
satn'10'1 V°m *n^a^- Bie Versuche, diesen in der sattsam bekannten, von Reuter gleich-
Bi f.?°^enzierten Weise sinnbildlich zu deuten, haben unzulángliche Einarbeitung oder
nhlung zur Voraussetzung (die ihrerseits oft einíach in zu geringer Kenntnis be-
o « uiauaðcuuug (uic uuwouiw uit uiiuauu iu c.li ivcuuuuo uc*
Uia C et ls^’ meistens felilt es an Sagalektiire). Der wirkliche Inhalt der alten Texte
fin? ^em ^enfungsheflissenen banal erscheinen im Vergleich zu dem, was er in ihnen
• Aber das darf den nicht stören, dem cs auf die Wahrheit ankommt. Auch darf
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