Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Page 32
gerade von dem Freunde germanischer Heimat crwartet werden, dafl er Phantasieschöp-
íungen und Gesinnungen, die er als germanisch erkennt, nach ihrer Eigenart wiirdigt»
zumal diese gegeniiber dem semitischen und auch gegeniiber dem klassischen Altertum
sich scharf abhebt. Diese Eigenart miiBte ihm ein willkommener Fund sein, und es mii0te
íhm widerstreben, dem germanischcn Naturkind mit gebraunten Wangen und im selbst-
gewebten Linnenklcid ausliindisches Kostiim anzuziehen und ihm die Bliisse des Gcdan-
kens anzuschminken. Nichts anderes tut unser Autor, wenn er die heidnischen Ger-
manen zu gelehrten Astronomen und tiefsinnigen Moralphilosophen maclit und aus
ihrer Hinterlassenschaft Gedanken herausliest, die man viel eher den altcn Babyloniern
zuschreiben diirfte als den alten Germanen. — Der Hauptirrtum, der in der Betracb-
tungsweise liegt, geht Hand in Hand mit unzáhligen Schnitzern im einzclnen. Diese
werden in den Augen der meisten die Unzulanglichkeit des Ganzen am klarsten belegen-
Allerdings sind nicht alle Fehlgriffe des Verfassers fiir ihn belastend. Wcnn er z. B-
die Seherin der Vegtamskviða gleichsetzt mit Angrboða und die drei Thursen, deren
Mutter sie nach Odins Schelte sein soU, mit deren Nachkommenschaft, so ist das eio
sinnreicher Einfall, iiber den sich reden lieBe, wenn der Verf. ihn weiter durchgefiibrt
und zu der Gesamtanlage des Denkmals und der Psychologie seiner Personen in Bezie-
hung gesetzt hátte, wobei er aUerdings wohl selber hátte ins Gedránge kommen mussen.
Weit schlimmer ist es, wenn er einen Widerspruch konstruiert zwischenOdin als arischeiu
Himmelsgott und den anses, den halbgöttlichen Vorfahren der Goten bei Jordanes, a*s
wáre dieser Schriftstcller ein primárer Berichterstatter und nicht ein rhetorisch verbil'
deter Christ mit antiheidnisch-euhemeristischer Tendenz wie Saxo Grammaticus (die
naive Uberschátzung des QueUenwerts von Lateinern ist iibrigens leider weit verbreitet)-
S. 217 wird die Opferstrophe 145 der Hávamál in einer Weise iibersetzt und gedeutet,
daB ziemlich genau das GegenteU von dem herauskommt, was sie in Wirklichkeit besagt-
Aus dem niichtern-utUitarischen Katschlag, lieber nicht einmal zu beten, als zu viel zu
opfern, lieber gar kein Vieh zum Heiligtum zu schicken, als zu viel dort zu schlachteU,
weU jede Gabe auf den Lohn berechnet sein miisse, wird — man staune! — die Lebre,
daB „Hingabe der Gesinnung und des Herzens" iiber den materiellen Opfern stebe
und ein Opfer, das nach Entgelt schielt, keinen Wert habe; dies sei „Odins alte Lehre •
Der Verf. darf es niemandem veriibeln, wenn er angesichts solcher Proben seiner „wisseu-
schaftlichen Strenge, die in bescheidener Zuchtgesinnung der traurigen Armut eines
leeren Buchstabendiinkels gerne entraten mag" (S. 241). auf weitere Bekanntschaft
verzichtet. — Auch wenn ich fortfiihre — und es ist Stoff genug da, um noch lange fort-
zufahren —, so hátte ich wenig Hoffnung, unseren Autor aus seinem Schlafwandel auí-
zuwecken. Solches Aufwachen miiBte iibrigens tragisch sein. Das Traurigste ist, dat>
dieser Schlafwandler andere ansteckt. Die rund 5000 Exemplare des ersten BandeS>
die verbreitet sind, haben sicher in vielen Köpfen UnheU angerichtet; der zweite ist
auf den „Erfolg" des ersten hin gleich in höherer Auflage gedruckt worden. So verstárkt
sich die WeUe desObskurantismus, und wir haben eine jener bliihenden WunderkureU
mehr, die viel versprechen, aber nichts halten könneu und daher nichts bewirken a'5
Verfiihrung der Geister, Verschlimmerung war das Chaos. Wenn ich hier einiges ge'
sagt habe, was als Anerkennung gedeutet werden kann, so war es nicht als Empíeb'
lung gemeint; vor dem Buch ist vielmehr zuwarnen; das, was man der Gerechtigked"
halber gelten lassen muB oder was einen fiir Augenblicke gewinnen kann, ist nie s°
gut, daB es das Kennenlernen lohnte. Mancher Kritiker verfáhrt summarischer, un
zwar mit Bedacht.
Berlin G. Ncckel
X.WISSENSCHAFTLICHE HANDBÚCHER AUFISLANP
Mit welchem Eifer die Lehrer an der jungen Universitát in Reykjavík es sicb aD
gelegen sein lassen, fiir die von ihnen vertretenen Wissenschaften Handbueber
in der Muttersprache zu verfassen, davon bekommt man eine Vorstellung, wenn man bei
60