Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1924, Page 24
Staatswesen wie auf Island ist aber auf den Faröern nicht entstandcn. Sie blieben viel-
mehr immer im norwegischen Staatsverbande und es fehlt ihnen cin „gamli sáttmáli",
eine alte Urkunde, die mit der zu vergleichen ware, auf die Island seine Sonderrecbtc und
Selbstandigkeitsforderungen erfolgreich stiitzen konnte. — Hierdurch unterscheidet sich
die fárische Selbstándigkeitsbewegung von der islándischen, mit der sie sonst viele Be-
ruhrungspunkte hat. — Als dann Norwegen im Jabre 1380 in Personalunion zu Dáne-
mark trat und 1537 völlig abhángig von ihm wurde, kamen auch die Fáröer in politische
Verbindung mit Dánemark, und sie blicben bei diesem Lande, als Norwegen im Frieden
von Kiel am 14. Januar 1814 an Scbweden abgetreten wurde.
Staatsrechtlich sind sie ein integrierender Bestandtcil Dánemarks, was Island auch
nach der Meinung der Staatsrechtler, die aus staatsrechtlichen Grunden die islándischen
Forderungen gegeniiber Dánemark als berechtigt nicht anerkannten, nie gewesen ist.
Sie haben denn auch je einen Vertreter im Folkething und irn Landsthing, den beiden
Kammern des dánischen Reichstags, in die die Islánder nie Vertreter gesandt haben.
Die Fárösr bilden administrativ ein dánisches Amt, sie haben eine Volksvertretung im
Lagthing, dessen Meinung in fárischen Angelegenheiten von der dánischen Regierung
gehört wird und das auch sonst in Einzelheiten gröCere Bedeutung hat als die Amtsráte,
die Kommunallandtage in den ubrigen Teiíen Dánemarks. Der Amtmann der Fáröer
untersteht einer besonderen Abteilung des dánischen Justizministeriums, nicht dem Mini-
sterium des Innern wie die anderen dánischen Amtmánner *. AuCerdem sind die Fáringer
von der Staatssteuer, von Zollabgaben und von der Wehrpflicht befreit.
Die politische Lage auf den Fáröern ist die folgende: Es gibt dort im wesentlichen
zwei Parteien, die Sambandsparti unter Fiihrung von Oliver Effersöe und die Selvstyre-
parti (Selbstverwaltungspartei) unter Fiihrung von Joannes Patursson. Wáhrend die
erstere im groCen und ganzen den bisherigen Zustand gewahrt wissen will, forderte
letztere bisher zwar nur eine gröCere politische und kulturelle Selbstándigkeit der Fáröer;
jedoch erklárte im vergangenen Sommer Joannes Patursson, uber diese Forderungen
weit hinausgehend, in einem Interview, das er einem nonvegischen Pressemann gewáhrte,
die Vereinigung der Fáröer mit Norwegen als wunschenswert, wenn sich eine völlige
Selbstándigkeit nicht als praktisch durchfúhrbar erweisen sollte. Durch die Veröffent-
lichung dieses Interviews in norwegischen Bláttern, die Joannes Paturssons Worte auf-
griffen und zu ihrer Meinung machten, verschárfte sich die erwáhnte dánisch-norwegische
Pressefehde um ein bedeutendes. Im Lagthing kam es zu langen Debatten, die dazu
íúhrten, daC ein AusschuG eingesetzt wurde, der die zur Erörterung stehenden Fragen
prúfen soll. Den Vorsitz dieses Ausschusses fúhrt Joannes Patursson. Wenn auch die
Tagung dieses Ausschusses von Bedeutung fúr die Entwicklung der politischen Verhált-
nisse der Inselgruppe sein wird, so ist doch eine endgultige Entscheidung erst nach der
Neuwahl des Lagthings zu erwarten, die im náchsten Jahre stattfinden wird. Wie sich
die Lage gestalten wird, ist nicht leicht vorherzusagen.
Die Stimmung der Fáringer geht zweifellos dahin, daG sie in ihrer Mehrheit eine gröGere
kulturelle und politische Selbstándigkeit wunschen; so wúrden sie es gern sehen, wenn
der Amtmann in Zukunft nicht mehr kraft seines Amts Mitglied des Lagthing wáre und
wenn bestimmt wúrde, daC alle die Fáröer betreffenden Gesetze vom Lagthing angenom-
men werden múGten, es also nicht mehr wie bisher bei diesen Gesetzen nur beratend
mitzuwirken hátte. Das wáre eine áhnliche Entwicklung, wie sie sich mutatis mutandis
im Jahre 1911 in ElsaG-Lothringen vollzog, als dieses Land an Stclle des beratenden
Landesausschusses einen gesetzgebenden Landtag erhielt. Anderseits legen aber die
Fáringer viel Gewicht auf Beibehaltung ihrer erwáhnten Sonderrechte und -privilegien
und es wird in weiten Kreisen befúrchtet, daG eine zu weitgehende Verselbstándigung
den Bewohnern erhebliche Steuerlasten in Gestalt hoher fárischer Steuern bringen
1 Die F. sind in weltlicher Hinsicht dem Stiftsamtmanne von Kopenhagen unter-
gcordnet und bildeten in kirchlicher Hinsicht eiue Propstei, die zu dem Stifte des
Bischofs von Seeland gehört.
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