Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1929, Síða 21
namen und nordische Mythologie. Fiir die sich an die Vortráge anschliefien-
den Erörterungen war in jedem Falle die zur Verfiigung stehende Zeit zu
kurz. Einen besonderen Eindruck machten infolge des guten Vortrages in
wohlklingendem landsmál die Ausfiihrungen von Knut Eiestal. Hier stieBen
auBerdem bei der Erörterung die verschiedenen Wege deutscher und skandi-
navischer wissenschaftlicher Auffassung am deutlichsten aufeinander; ihre
Unterschiede wurden jedoch nur als eine notwendige gegenseitige Ergánzung
erkannt: Bei dem Problem der Saga auf norwegischer Seite die Volkskunde
mit der Forschung nach dem Wandel und Wandern des Stoffes, auf deutscher
Seite, hier vertreten durch W. H. Vogt, die Richtung auf das mehr ab-
strakte Gebiet der Untersuchung des Stils. Lebhafte Anteilnahme erweckte
auch der Vortrag von Sigfús Blöndal, weil auf dem Gebiete der neuislán-
dischen Philologie und Volkskunde noch reicheres Material und gröBere
Möglichkeiten der Bearbeitung harren, als vielleicht irgendwo sonst im
Norden, und diese Arbeit nicht von den Islándern allein geleistet werden
kann. S. Blöndal warb so warm fiir seine Sache, daB Prof. Neckel sogar
versprach, der Vertreter Islands soll das náchste Mal auf islándisch sprechen
durfen — alle múBten es lernen! — Die auf Spaziergángen und oft auch
beim Essen fortgesetzten Auseinandersetzungen erwiesen zur Genúge den
befriedigenden Ertrag der wissenschaftlichen Sitzungen.
Alles Gesellige, Menschliche, Freundschaftliche aber steigerte sich am
letzten Abend, an dem die Nordische Gesellschaft, nach dem ausgezeichneten
SchluBvortrag von Dr. Wessén, zu einem Bierabend eingeladen hatte, zu
einer ganz gelösten, unwillkúrlichen Kundgebung. Dr. Blöndal, dem als
eine besondere Ehrung fúr Island der letzte Vorsitz und die offizielle
SchlieBung der Tagung úbertragen worden war, begann, sichtlich ergriffen,
seine Rede tiber sein Manuskript hinweg mit diesen Worten: „Was hier
vor sich geht, ist ja ein Ereignis, ein auBergewöhnliches Erlebnis! . . .“
Und dies war es in der Tat. Hier erschien einmal — und in diesem MaBe
vielleicht zum erstenmal — das Beste an der Zusammengehörigkeit unseres
Volkes mit den nordischen Lándern in begeisternd reiner, von keinerlei
Sentimentalitáten verbrámter Gestalt. Die letzten Stunden des Zusammen-
seins trugen dieses Erlebnis noch einmal hoch empor; bis in die Nacht
hinein war der groBe Raum erfúllt von dem fröhlichen Gewirr untíescliwer-
ter Geselligkeit, klangen Lied und Dichtung aller nordischen Sprachen in
wetteiferndem Wechsel, stieg auf dem Grunde ernster wissenschaftlicher
Bemúhungen von der alten Hansastadt Lúbeck bis in den höchsten Norden
hinauf die vielgliedrige Brúcke eines schaffenskráftigen menschlichen Ein-
verstándnisses. Die Nordisten-Tagung in Lúbeck, wohl der stárkste Aus-
druck in diesern J ahre fúr den immer weiter greifenden áuBeren und inneren
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