Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Blaðsíða 14
er leidet; er spriclit dies einmal offen aus, man spiirt das gleiche Ethos aber an
allen Stellen durch, die auf seine Kunst anspielen. Bei Kormak ist eine merk-
wurdige Wandlung eingetreten: Der typisch skaldische Fiillungsvermerk „ich
dichte“ hedeutet hei ihm stets soviel wie „ich dichte einen Schmahvers“, enthalt
also eine versteckte Drohung. Dieser Vermerk findet sich bei ihm nur in Schmah-
strophen: V. 14. „...wenn er mir droht, kann’s nur ein wenig schlimmer werden:
NichtlaBich vomDichten ab!“; V.21. „DesDichtersZornistihmgewiB“;
V. 22 „(... wenn man auch sauer sieht,) so bleib ich dabei zu dichten, wie ein Wá-
scheschlegel beim Brunnen bleibt“; V. 30. (Bei der Ruckgabe des beschádigten
Schwertes): „Ich bring dir meinenLobvers“; V. 46. „Ich werde wegen derDichterei
verfolgt. Doch nun dichte ich gerade, ich fang ein Preislied an!“; V. 53. „(Der
Jámmerling greift mich schnaubend an.) Ich dichte eine schmucke Strophe"; V.60.
(bei der Absage an Steingerd): „Den Dichtungstrank hab ich dir vermehrt.“
Nun miissen wir uns von der Betrachtung der einzelnen Erlebnisse und
Urteile zu ihrer Gestaltung in der Strophe, von der Erlebnisform zur Sprach-
form wenden. Verweilen wir noch einen Augenblick bei einem dazwischen-
stehenden Gebiete, bei dem Satzbau. In der álteren Skaldendichtung ist es die
Regel, dafi die syntaktischc Erledigung mit dem Satzende zusammenfállt,
m. a. W., daB syntaktisch unnötige Zusatzglieder nicht ans Ende des Satzes ge-
stellt werden. Ein notwendiger Satzteil wird vielmehr bis zum Ende aufgespart
und gibt dann durch seinen Eintritt das „Erledigungszeichen“, er deutet an:
Hier ist SchluB. Kormak baut háufig genug seine Sátze auf diese Weise, z. B.
„Es stieB gegen den Schild“ (Schaltsatz) „der Wiese Schwert“. „Fortgenommenhat
Bersi“ (Schaltsatz) „meine Verlobte“. Ich záhlte bei Kormak 59 Fálle, in denen
Erledigung und Satzende zusammenfallen1. Die Zahl zeigt aber schon, daB diese
Bauweise nicht so iiberragend háufig ist wie bei andern Skalden.
Wenn in einen verwickelteren Satz nach dessen formaler Erledigung noch ein
Zusatzglied eingebaut werden soll, das womöglich noch durch Schaltsatz von
dem zugehörigen Satze abgespaltet ist, so muB dieses Glied besonderen Nach-
druck tragen. Kormak nutzt diese Beobachtung und stellt deshalb wichtige Zu-
satzstiicke mit Vorliebe ans Satzende, indem er diese Stelle des starken Tons fiir
seine Zwecke ausnutzt: V. 2. „Ihre Augen brannten zu mir hin“ (Schaltsatz)
„iiber das Kuchenholz hinweg; ihre FuBe sah ich“ (Schaltsatz) „auf der
Schwelle“; V. 35. „Ich denke an die Frau,“ (Schaltsatz) „an die Thorkels-
tochter.“ Einmal spielt er mit zwei verschlungenen Sátzen das gleiche Spiel:
V. 21. „...die mich liebte (ich kúBte sie) am allermeisten (jedenlieben
langen Tag)“. Kormak hat 34 Fálle solcher Zusátze mit,,Achtergcwicht“.
1 Beruoksichtigt sind dabei nur Strophen, in denen der Satzban vom prosaischen Gebrauche
abweicht.
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