Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Blaðsíða 29
monumentale islandische Dichtkunst ersteht, noch vor der italienischen Renais-
sance eine Kunst, die der gesamten Literatur des damaligen Europa weit iiber-
legen war an kiinstlerischer Gestaltungskraft. Diese altislandische Literatur, die
Sagas und Eddas, betrachten wir Islánder zunáchst als etwas rein Islándisches,
das erst durch Islands Blut und Boden lebensvollen Sinn erhált. GewiB handelt
es sich auch um historische Tatsachen, die als Grundlage des Nationalempfindens
aller nordischen oder germanischen Yölker verwertet werden, aber entscheidend
ist die Kunst des Erzáhlers und Dichters, die in ihrer Yollendung fast den Cha-
rakter von klingender Musik trágt. Tatsáchlich handelt es sich um eine Dichtung,
die laut vorgetragen wurde. Die kunstvoll und kraftvoll gemeiBelten Sátze des
Originals wurden auch bisher in keiner ííbersetzung artgetreu wiedergegeben.
Meine Damen und Herren! Sie brauchen nicht zu fiirchten, daB ich Sie mit lan-
gen historischen Erklárungen ermiiden werde. Man kann in wenigen Sátzen das
sagen, was auch zum Verstehen der heutigen Lage Islands nötig ist. — Das zweite
Wunder islándischer Kultur ist die Tatsache, daB diese alte Kunst des Wortes
bis auf den heutigen Tag die ganzen 1000 Jahre hindurch beim islándischen Volke
lebendig blieb, und daB wir heute noch dieselbe Sprache der Wikinger spre-
chen. Zwar sind wir Islánder heute etwas verfeinert, und wir leben nicht mehr in
der rauhen Welt alter Kámpfe, aber die Grundlage ist die gleiche geblieben. Dies
erhielt uns auch am Leben in den folgenden 600 Jahren der hártesten Not. Nach
den Jahrhunderten des unglaublichen Glanzes, der Aufgeschlossenheit weltum-
spannenden Wikingertums, welches das ganze Gegenteil von jeglichem Provinzia-
lismus war, kam die schwerste Erniedrigung, die vielleicht je ein Volk erlitt. Wenn
wir ganz aufrichtig sind, so miissen wir zugeben, daB die ersten Ursachen dazu
im eigenen KráfteuberschuB zu suchen sind, in den gegeneinander gerichteten
Kráften des eigenen Volkes. Es folgte nach fast 400jáhriger Staatsunabhángig-
keit doch noch Fremdherrschaft bis zur Unterdriickung. Das finsterste Mittel-
alter hatte nun, trotz allem, auch Island erreicht. Epidemien traten mit der fiir
Insellánder typischen tödlichen Heftigkeit auf. Naturkatastrophen bedrohten
Mensch und Tier; im 18. Jahrhundert z. B. goB ein feuerspeiender Vulkan einmal
Gift und Asche 2 Jahre lang iiber das Land, sogar bis nach Amerika und nach
dem europáischen Festland und vernichtete abermals den fiinften Teil der islán-
dischen Bevölkerung. Das war zu der gleichen Zeit, als Island durch den soge-
Qannten Monopolhandel einer fremden Macht erbarmungslos ausgesogen wurde.
Dies erzáhle ich nicht als Vorwurf, sondern als schlichte Tatsachen der Vergan-
genheit. Es waren Jahrhunderte des Hungerns. Der Islánder lernte in sich hinein-
znsehen, die Záhne duldsam aufeinanderzubeiBen und muBte sich damit begnii-
8en, Heldenlieder und Spruchgedichte vor sich hinzusummen. Die geistige Úber-
heferung und das BewuBtsein der Herkunft bewahrten ihm den Lebensmut.
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