Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1929, Síða 2
nordischen Runenschriften'* 1885, bekannt sein wird, gelungen, in der
Hamburger Universitátsbibliothek eine anonyme und nicht ganz voll-
stándige Handschrift mit einleuchtenden Grúnden und einer an GewiBheit
grenzenden Wahrscheinlichkeit als ein Exemplar des vermeintlich ver-
lorenen Werkes des Sigurður Stefánsson festzustellen.
Sigurður war um 1570 geboren und fand im jugendlichen Alter von
kaum 25 Jahren den Tod, indem er im Flusse Brúará auf Island (zwischen
Thingvellir und dem GroBen Geysir) im Herbste 1594 oder 1595 ertrank.
Er war ein ungewöhnlich begabter Mann, ein tuchtiger Gelehrter und gleich-
zeitig Kúnstler, Dichter in lateinischer Sprache, Musiker und Maler. Nach
Beendigung seines Universitátsstudiums in Kopenhagen kehrte er um 1592
nach Island zurúck, wurde Magister an der bischöflichen Domschule zu
Skálholt und in seinem Todesjahre 1594 oder 1595 Rektor, oder wie wir
heute sagen wúrden, Direktor dieser Anstalt. Die Handschrift seiner Island-
beschreibung ging nach seinem Tode aller Wahrscheinlichkeit nach an
seinen Vorgesetzten, den Bischof Oddur Einarsson von Skálholt úber, der
die Abhandlung anscheinend spáter bearbeitet und erweitert hat. Jeden-
falls blieb die Hs. in der Schulbibliothek von Skálholt; vielleicht lieB sie
der Bischof Oddur (er war Bischof von 1589—1630) auch abschreiben.
Der bekannte spátere Historiograph Thormóður Torfason, gewöhnlich
latinisiert Thormodus Torfaeus genannt, brachte die Jahre 1650—ið54
als Zögling der Domschule in Skálholt zu und nahm in dieser Zeit Ab-
schrift von der anonymen und nicht ganz vollstándigen Hs., deren Inhalt
ihn interessierte, und nahm sie mit sich nach Dánemark. Dort lieh er sie
dem Polyhistor Marcus Meibom (1621—17x0), der von 1653—1663 Biblio-
thekar in Kopenhagen war. Dieser lieB durch einen Uohnschreiber eine
Abschrift nehmen, wáhrend Torfaeus sein eigenes Exemplar 1662 mit nach
Island zurúcknahm.
Aus Meiboms NachlaB kaufte die Hs. Zacharias Konrad von Uffenbach
(1683—1734) und aus seinem NachlaBi749 derHamburgerProfessor Johann
Christian Wolf, der sie der Hamburger Bibliothek schenkte. Hier war sie
Fritz Burg schon vor etwa 20 Jahren bekannt, und nachdem er seine Eor-
schungen úber die Verfasserschaft des Werkes mit der Uberzeugung zu Ende
gefúhrt, daB es sich tatsáchlich um das verloren geglaubte Werk des Sigur-
ður Stefánsson handelt, hat er den lateinischen Text, der nicht wenigex
als 87 groBe Oktav-Druckseiten umfaBt, zugleich mit einer ausfúhrlichen
Einleitung als Band x der Veröffentlichungen aus der Hamburger Staats-
und Universitáts-Bibliothek, Neue Folge, 1928, herausgegeben.
Fúr ein náheres Studium der sehr interessanten Schrift, die sich als das
erste selbstándige gröBere geographische Werk eines Islánders úber Island
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