Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1929, Síða 29
Wohnsitz zu suchen. Die Mehrzahl dieser Auswanderer begab sich nach Island. Alle
diese Leute scheinen zwischen 886—900 in Island eingewandert zu sein und kamen aus
Schottland, von den schottischen Inseln und aus Irland.
Als die eigentliche Zeit normannischer Besiedlung sind die Jahre 886—900 zu be-
zeichnen (nach Poestion).
Im Jahre 930 wurde der Islandische Freistaat gegríindet und das Alting, das in dieser
Form alteste Parlament, geschaffen. Das Jahr 1930 wird groBe Festlichkeiten zur Jahr-
tausendfeier der Staatsgriindung Islands bringen.
Die Bevölkerung Islands, die gegen Ende der Besiedlung ungefahr 25 000 Menschen
umfafite, hat sich bis heute trotz schwerer Ungliicksfalle (Pest, Erdbeben u. dgl.) auf
103 000 vermehrt, von denen allein 25 000 in der Hauptstadt Reykjavík wohnen. Mit
Ausnahme einer sehr geringen Anzahl Kelten (Iren und Schotten), einiger Gauten
(Schweden) und Danen sind die Islander Nachkommen des alten norwegischen Adels,
sagt der beriihmte und leider viel zu friih verstorbene österreichische Islandkenner
J. C. Poestion.
An den geringen Prozentsatz Kelten erinnern Ortsnamen wie Vestmannaeyjar auf
Island und Vestmannahafn (nach Bruun; die neue Schreibung ware — havn) auf Föroyar.
Wie bekannt, ist die Literatur der Islander nicht nur grofi, sondern auch sehr alt.
Die alte, ehrwiirdige islandische Sprache macht nach Auffassung des Geologen Winkler
einen ganz eigentiimlichen Eindruck: ,,Aus tiefer Kehle gesprochen, lange mitlautreiche
Worte, mit den sich oft wiederholenden Endsilben -ar, -ir, -um, klingt sie so altertiimlich
ernst, als ob sie aus dem Munde von Bewohnern des Untersberges oder Kyffhausers
kame.“ Doch diese Meinung wird nicht allgemein geteilt. (Als ich vor ein paar Tagen
wieder Gelegenheit hatte, Islander zu hören (in Wien), konnte ich feststellen, dafi mich
der Tonfall sehr an das Schwedische erinnerte. Beim Lesen allerdings steht mir die
Auffassung Winklers sehr nahe.) So reichen sich in der islandischen Sprache alte und
neue Zeit die Hand: eine Sage der Wirklichkeit! —
Am Schlusse meiner Ausfuhrungen soll aber eines nicht vergessen sein: der Dank!
Wofur, werden manche fragen. Der Dank fúr die Liebesgaben aus der Nachkriegszeit;
denn das islandische Brudervolk hat nicht nur Anteil genommen an dem Elend und
der Not unserer Kinder; es hat gegeben, was es geben konnte fúr die Jugend Wiens
und Oberösterreichs. Ich habe heute noch Zeitungen aufbewahrt aus den Jahren 1921/22,
aus denen hervorgeht, dafi das teilweise doch recht arme Volk, die verhaltnismafiig
gröfiten Opfer brachte! — Fúr Wien, Prag, Budapest und Gmunden (in Oberösterreich)
wurden nicht weniger als 30 groBe Fásser Lebertran im Werte von 18—20 000 is-
landischen Kronen gespendet. Die Geldspende — welche auBerdem österreichischen
Kindern zugute kam — betrug wenigstens 3—5000 islándische Kronen! — Dafúr
stammesinnigen Dank im Namen unserer Kinder!
Nun naht am 1. Dezember 1928 zum zehntenmal der Jahrestag des jungen König-
reiches Island, das mit Danemark nur mehr durch einen gemeinsamen König und
ein Bundesgesetz verbunden ist. Zu diesem Tage wúnschen wir alle dem Brudervolke
Glúck und Segen und danken im Namen unserer Kinder! — ,
Fern auf den nördlichen Inseln wohnt ein germanischer Bruder:
Dank sei ihm furder aus Wien und GruB aus österreichs Gauen!-------------
VI. EIN ALTES ENGLISCHES GEDICHT ÚBER
ISLAND
Th. Thoroddsen erwúhnt in seiner Geschichte der islandischen Geographie, Bd. 1 der
deutschen Ubersetzung von August Gebhardt.S. 108, ein englisches Gedicht aus der
ersten Halfte des 15. Jahrhunderts, das unter anderem den Handel Englands mit Island
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