Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Side 1
Islándisclie Landscliaft
von Reinhard Prinz1
„AuBen Eis, innen Eeuer, so sind wir.“ Diesen Vergleich seines Wesens mit der
Natur seiner Heimatinsel braucht der Islánder gern, und meist láchelt er etwas
neckisch dabei. Hinter diesem Lácheln aber liegt ein tiefer und schwerer Ernst.
Das Um- und Gegeneinander von Feuer und Eis ist nun einmal eine der mách-
tigsten Spannungen, in denen die Erdnatur schafft und lebt; und von welcher
Abgriindigkeit mufi der Mensch sein, in dessen Wesen diese Spannung wirkhch
sich wiederholt; wie tiefgriindig muB auch das Verháltnis dieses Menschen zu die-
sem Lande sein.
Wir waren auf einer unserer groBen Sommerwanderungen auf dem Wege vom
Siidlande zum Nordland. Beim Eintritt in die Senke zwischen den beiden groBen
Gletschermassiven des Langjökull und Hofsjökull — ,,der Kiel“ nennt der Islán-
der diesen alten Ödweg — gerieten wir in Nebel und Regen. Nur mit Miihe er-
reichten wir in einem mehr als zehnstiindigen Nachtmarsch die Hirtenhiitte auf
Hveravellir, den „Ebenen mit den heiBen Quellen“. Berge und Gletscher waren
verhiillt von Dunst und tiefschleifenden Wolken, alles war stumpf, grau, ver-
waschen. Bergnasen und Lavatriimmer verzerrten sich zu Trollen und Unholden.
Die Dámpfe der heiBen Quellen krochen zusammen mit dem schwadigen Nebel.
Dann kam Sturm auf, Regensturm, Schneesturm, mitten im Juli; zwei Tage und
zwei Náchte peitschte und brummte es von den Gletschern herunter um unsere
Hiitte. Wir fingen an, den Proviant zu berechnen. Da war am dritten Morgen die
Erde neugeboren: strahlend stand die Sonne iiber dem schweigenden Land. Aus
dem hohen meerblauen Himmel strömte eine fast iiberirdische Fiille von klarem,
kiihlem Licht; die langen Eisdácher der Gletscher gliihten weiB und rein; Berg-
köpfe und der Kegel des Mælifell im Norden standen wie aus blauem oder braun-
griinem Lehm geschnitten in der glásern diinnen Luft; Wasserláufe blinkten; mit
Wollgrasflocken bestreute Grasinseln strahlten griiner als je sonst ein Gras.
Steingeröll und Lavafelder schimmerten von diesem Morgenlicht. Gerade und
feierhch stieg der Quellendampf gen Himmel. Zwischen den vielen Quellentrich-
tern mit ihrem leisen Zischen und Geblubber fanden wir eine Mulde, die sich mit
kristallblauem warmem Wasser gefiillt hatte, Darin badeten wir lange und mit
GenuB, wáhrend die Gletscher um uns leuchteten. Am Abend zog sich ein diinner
Pelz von kleinen, wolligen Wolken vor die Sonne, die hier im Sommer nicht unter-
geht. Dann begann die Erde bis auf den Firn hinauf wie von innen her zu gliihen,
blau, rot, griin und golden; als wenn sie wieder ausstrahlen miiBte, was sie wáhrend
des Tages an Licht und Helle in sich aufgesogen. Bis alles zu einer zarten, silber-
1 Zuerst erschienen in „Die Sonne“, April 1935.
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