Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Side 2

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Side 2
nen Dámmerung erbleichte, — der nordischen Sommernacht. Als nach ein paar Stunden der östliche Gletscher unter der steigenden Sonne zu glimmen begann, brachen wir auf, um noch vor Beginn der Eisschmelze den Gletscherflufi Blanda durchwaten zu können. Es gibt keinen Wechsel der Naturkráfte, der Farbe, des Wetters, der nicht das Leben der Insel Island in einer dauernden, gleitenden und gárenden und stiirzen- den Bewegung hielte. Kochende Erde am Rande der Eisfelder; donnernde Was- serfálle in der schweigenden Öde weiter Geröll- und Weidefláchen; wucherndes Griin und Blumenbunt mitten im schwarzen Tod erstarrter Lavafliisse; starre Felsenwánde, um die unten die Brandung spiilt und oben unzáhlige Yogelvölker schwármen; blaugrauschwarzer Basalt, gelbbrauner und rötlicher Tuff, griines und stahlblaues Meer, weiBer Firn und ein Himmel, in dem all dies Farbige sich wie im Widerschein mischt zu wirklichkeitsfernen Wolkenphantasien. Und doch bleibt von diesem Lande immer der Eindruck einer f ast leidenschaf tslosen Schwere und GröBe. Máchtiger als die sengende und spiilende, als die sprengende und zer- rende Naturgewalt der Vulkanausbriiche, der brausenden Ströme und Stiirme und der hier in anderen Bahnen kreisenden Gestirne wirkt die Form, in die die entladende Kraft sich verwandelt. Wie von Ewigkeit her stehen die gewaltigen Eiskuppeln der Gletscher iiber dem Land. Die ganze östliche Hálfte der Siidkiiste beherrscht der Wasserferner (8500 qkm), einen halben Tag lang leuchtet er zu- sammen mit dem Inselberggletscher dem Schiffe entgegen, das von Siiden kom- mend der Insel sich náhert. Die Höhen der Gletscher sind sanft gewölbt, alle Berge Islands sind so gewölbt, flache Tafeln oder Hauben oder sanft aufsteigende Kegel. In den dicht benachbarten Förden der Ostkiiste hat die Kolkarbeit der Eiszeitgletscher lange schmale Grate geschaffen, in groBer RegelmáBigkeit sind Spitz- und Stumpfpyramiden entstanden, nirgends aber wird die strenge Waage- rechte dieser Höhengestalt durchbrochen und aufgelöst von den Zackengipfeln alpiner Gebirgsformen. Die Brandung erkalteter Lavaergiisse, die wilden Aschen- kronen erloschener Vulkane und die Zerrissenheit einzelner Hánge und Erhebun- gen aus weichem Tuff verlieren sich vor dem weiten Blick auf die beherrsckenden Höhenlinien, in denen die Urgewalt des Feuers, das diese Insel schuf und immer weiter an ihr schafft, von einer noch gröBeren Formgewalt gebándigt scheint. Es ist, als ob Feuerriesen und Riesenbaumeister miteinander rángen — die einen lassen die Glutströme des Erdinneren aus Spalten und Bergkesseln und sogar durch die schweren Eispanzer der Gletscher brechen, lassen ganze Höhenziige auseinanderbersten und decken griine Táler und rauschende Stromláufe mit er- starrender Glutmasse zu; die Baumeister aber zwingen diesen Umsturz der Erde in feste Form; Schicht um Schicht túrrnen sie die versteinernde Glut zu mách- tigen Wiirfeln, Pyramiden, Kegeln und Kuppeln. Wenn nach dem Ausbruch der 2

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