Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Qupperneq 3

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Qupperneq 3
Rauch verzogen und der Feuerschein verflackert ist, dann stehen die Berge und liegen die weiten Hochflachen so ruhig und gefaBt und so klar und wuchtig ge- pragt, als wenn das nie anders gewesen wáre und nie sich wiirde wandeln können. Und doch weiB man, daB dies Ringen keinen Augenblick abhricht; man spiirt es an den kochenden Quellen, an dem nagenden Ton deí Brandung und der Wasser- stiirze — in jede Siegesfeier einer neuen Gestaltung und Ordnung wetterleuchten schon die Zeichen neuer Umbriiche. Welches Land ist so greifbar und eindrucksvoll ein dauernder Werdegang der Schöpfung wie diese Insel Island ? Ist es ein Zufall, daB gerade hier das germa- nische Erlebnis des Daseins den tiefsten und reichsten Mythos schuf und in der Seherin Gesicht (Edda) die dauerndste Gestalt gewann ? Aufgang, Untergang und Aufgang der Erde, der Götter, der Menschen. Der Mensch lebt auf Island in einer tieferen Spannung der Natur als irgendwo sonst in Germanien. Das harte Lebensgesetz des germanischen Menschen wird in seinem Erlebnis der Erde hier durch nichts gemildert. Island hat auBer einigen lieblichen Zwergbirkenhainen keinen Wald. Die Hiigel und Berghánge, die Ufer der Förden und vielen Seen, die langen Táler und die weiten Hochfláchen, — alles ist kahl und leer. Gras und Buschwerk, das weithin das Land bedeckt, vermag nicht viel gegen diesen Eindruck von Strenge und Kahlheit. Erstzustand der Schöpfung. Der Deutsche, der aus dem Waldland kommt, fiihlt sich hier nackt zwischen Himmel und Erde stehen. Es gibt keine rauschenden Baumkronen, die ihm Musik machen, keine schiitzenden Wipfeldácher und kein Halbdunkel dicht gereihter Stámme, in dem er sich verbergen kann. Hier packt das Letzte und Eígentliche der nordischen Landschaft ohne alle Umhiillungen ihn an. Stárker als an der Kiiste der deutschen Nordsee, als auf den dánischen Inseln, als auf den schwedischen Scháren, als auf dem norwegischen Hochland, als in Schottlands felsigen Buchten. Meer, Fels, Eis und ein Himmel, der immer voll Wechsel und Bewegung íst. Island ist fiir alle, die vom gemáchlicheren Festland, aus den GroB- stádten und von den Schreibtischen kommen, die Probe, was sie in sich tragen an nordischem Welterlebnis. Um sich dessen bewuBt zu werden, bedarf es allerdings mehr als ein paar flúchtiger Sommertage, an denen man im Auto von Sehens- wiirdigkeit zu Sehenswiirdigkeit fáhrt. Es gehört dazu die ungeheure Einsamkeit der Hochheide, der Abstieg von diesem menschenleeren Hoehland in die griinen, stromdurchsungenen Táler und schmalen Fjorde; und das von den rasenden Stiirmen und schweifenden Nordhchtern durchflackerte Winterdunkel. Schon manchen Nordlandbegeisterten hat Island abgewiesen: die Kahlheit wurde ihm zur inhaltlosen öde, er brach nicht den Bann des Fremdartigen, der die groBe Nordlandinsel umgibt. Wo aber wáre das wunderbare Gefiige dieser Berge, wo die unvergleichhche Reinheit der Linien und Plastik der Formen, wenn Wald und í* 3

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Mitteilungen der Islandfreunde

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