Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Blaðsíða 5
schleiern vor den Hangen der Berge, sanftgliihender Firn, leuchtende Wolken in
Ballen, Streifen und Fachern; an der Westkiiste die Kulissen der Bergflanken in
tiefem, feuchtem Blau; am Miickensee im Nordlande die Inselberge im Osten und
Siiden in zartes, silberblaues Licht getaucht, mit funkelnden Schneespangen in
Schriinden und Rissen; die Kaskaden des Goldfalles (GullfoB) mit dem goldbrau-
nen Geflimmer und den strahlenden Regenbogen im spriihenden Wasserstaub.
Es gibt Stunden auf Island, in denen alles den Atem anzuhalten scheint, um
dieses gewaltige stille Spiel der Natur nicht zu stören. Es ist eine Leuchtkraft und
zugleich eine unirdische Zartheit vieler Zwischentöne in diesem Ergliihen der
Inselwelt, dem die Prunkfarbe des Mittelmeeres nicht die Waage zu halten ver-
mag. Tausendfaltiges Leben webt mit diesen Farben um die schweren Berge, die
Felsbastionen und Gletscherbriiche und iiber die weite Hochheide; die Schwere
und Starre mancher Landschaftsbilder, die oft genug an vulkanische Mondland-
schaften erinnern, löst sich, ohne doch irgendwie zu zerfliefien; die diinne Luft
scheint auch jede Farbe an ihren Ort zu bannen; Berge, Grasflachen, Lavahalden,
Wasserlaufe, Firnfelder scheinen von innen her zu strahlen.
Wundersam mischt sich in diese Farbenfeier das Leben der Blumen, der vielen
Wiesenkrauter, die hier in starkeren Farben als sonst wohl bliihen, und der vielen,
vielen Yögel; der Brachvögel und Goldregenpfeifer, der Seevögel, der Falken und
Adler, der Wildganse und Wildschwáne. Wir bogen einmal bei einem Ritt durch
die Sommernacht an der Westkuste in einen schmalen Fjord ein und hielten still
vor Erstaunen: auf der spiegelglatten, leicht geröteten Wasserfláche ruhten tau-
send schneeweiBe Schwáne. UnvergeBIich bleibt einem, vor allem aus den hellen
Náchten, das Locken und Rufen der Vögel im Ohr. Und zu diesen Tieren gehören
auch das Schaf und das Pferd, die den Sommer iiber auf den Hochheiden unbe-
hiitet ihrer Weide nachgehen. Der Islánder liebt diese Tiere wie sein eigen Fleisch
und Blut; er hat eine zártliche Liebe fur alles, was an Blumen und Grásern, an
duftendem Busch und Birkenhain und an Tieren aller Art seine einsame Insel be-
völkert. Slútnes, die Insel im Muckensee (Mývatn) im Nordland, die ist ihm ein
Inbegriff fúr alles, was zwischen erloschenen Kratern und rauchenden Schwefel-
bergen an Wachstum und fröhlicher Lieblichkeít der Natur gedeihen kann. Auf
Slútnes kránzen schwere Gewinde von goldenen Sumpfdotterblumen die flachen
Ufer, Schaumkraut und Wiesennelken und viele andere Wildblumen blúhen knie-
hoch in dichten Búscheln; darúber schwanken die schönen Dolden der hohen
Bergengelwurzstauden. Weide, Eberesche und Birke stehen hier mit wúrzig duf-
tendem Blátterwerk in kleinen Hainen zusammen, dazwischen liegen stille Wei-
her, in denen sich die Berge des Seeufers spiegeln. Und wohin man horcht und
spúrt, brúten in dem dichten Strauchwerk oder auch im tippigen Gras der Lich-
tungen Enten úber Enten. Dutzende von Entenarten wohnen in diesem kleinen
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