Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Qupperneq 6
Göttergarten Slútnes. Im See aber spielen und springen Forellen in unzahliger
Menge. Das Gebiet des Miickensees ist ein Bezirk, in dem sich schwarze Lavafel-
der und grune Weide, rauchende Schwefelhange und fettes Wiesenmoor, ver-
steckte Buchten mit reichem Pflanzenwuchs und ganze Gruppen erloschener Kra-
ter in einem weitenRing schöngeformterBerge zu einem Wunderland ohnegleichen
vereinen. Die Farbenstimmungen tun das Ihrige dazu, sie sind hier von einer ganz
besonderen Schönheit und Seltsamkeit. Es ist dies das Stúck Island, das es dem
deutschen Maler Friedrich Lifimann zutiefst angetan hatte. Hier malte er vor
dem Kriege seine Yogelbilder in der berúckenden Durchsichtigkeit der Formen-
und Farbenlandschaft: Enten, Adler, Falken und weifie Schwane im Fluge vor
den schwarzen Aschenhangen des grofien Kraters am Ostufer. Es ist seitdem
mancher fremde Maler diesem Island verfallen, keiner aber hat die islandische
Landschaft so von innen, vom Wesen her zu malen vermocht, wie die Islander
selber. Auch die Malkunst der Islander ist jung, eben erst meldet sich die zweite
Generation an. Und doch haben sie schon ihre blauen Berge, die dunkle Lavaland-
schaft, die feierliche Inbrunst der hellen Sommernacht und die vom Frúhlings-
wasser tibersprudelte Wiesenhalde mit einer Echtheit der Empfindung und mit
einer Meisterschaft des Blickes gemalt, die nur aus einer tiefen und langvererbten
Beziehung zu ihrem Heimatland begriffen werden kann. Mufite das Volk dieses
Farbenlandes nicht ein Volk von Malern werden %
Eins sind die Islander von jeher gewesen: Das Volk der Dichter und Sprach-
meister. Wem das Wesen der islandischen Landschaft aufgegangen ist, der kann
sich nicht der tiefen Úbereinstimmungen erwehren, die auch hier die gewaltig be-
wegte und gewaltiger gebandigte Landschaft, den Menschen der núchtern-harte-
sten Tat und des schweifenden Traums und die aus seltener Sprachfúlle und
seltenerer Formkraft entstandene grofie Sprachschöpfung miteinander verbinden.
Das gilt fúr die grofie Sprachkunst der Sagazeit, das gilt heute fiir die Dichtung
von Islands gröfitem lebenden Dichter Einar Benediktsson, deren gröfiter Gegen-
stand zudem die aus dem Naturerlebnis seiner Heimat geschöpfte kosmische
Dichtung ist. Es zittert darin all das nach, was noch heute jeden islándischen
Bauern, jeden Fischer und auch noch jeden Stádter auf Island am tiefsten mit
dem naturhaften Sein und Geschehen seiner Heimat verbindet: die Ahnungen
und Gesichte der vielen Frauen und Mánner, wenn die Schneestiirme, die Sturm-
fluten, das Polareis, die reifienden Ströme und die Aschenregen feuerspeiender
Berge ihre Opfer fordern oder wenn die traumhafte Schönheit islándischer Son-
nentage und Nordlichtnáchte tiefe Hoffnungen eines höheren Daseins auf anderen
Gestirnen gebiert.
Die grofie Insel des Feuers und des Eises am Rande der germanischen Welt ist
ihren nordischen Siedlern zum Schicksal geworden. Sie war die Zuflucht ihres
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