Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Side 8
wieder ins subjektive Perfekt, reden diesen und jenen bei Namen oder Kenning
an, daB dieser erste Eindruck sich sogleich korrigiert.
Oder aber: wenn Saga und Strophen im Zusammenhange aufgefaBt werden, so
möchte man glauben, eine Parodie vor sich zu haben. Aus Saga und Yers tritt
Kormak hervor als der groBe Pechvogel, der ewig verhinderte Liebhaber, der
Kámpe, dessen Schwert im entscheidenden Augenblick zerbricht, dessen Ger
nie trifft, und der dann ein iibles Ende nimmt, indem ein dicker Riese auf ihn
stúrzt. Doch ein zweiter Blick zeigt, daB Saga und Strophen unmöglich eine ur-
sprungliche Einheit bilden, daB vielmehr die Saga spáter um die Strophen her-
umgeschrieben ist, und daB die Zúge, die uns in der Saga parodierend erscheinen
möchten, nur einen fabuherfreudigeren, spáteren, an Vorzeit- und Bitterroman
geschulten Erzáhlstil verraten. Allen ersten Eindrúcken zum Trotz wird man so
stets wieder darauf zurúckgeftihrt, in den losen Strophen Kormaks tatsáchlich
echte, lyrische Einzelleistungen dieser Dichterpersönlichkeit des X. Jahrhunderts
zu sehen. So wird die Frage nach den bezeichnenden Zúgen dieser Dichtungen
nicht von vornherein ad absurdum gefúhrt.
Rufen wir uns kurz den Gegenstand von Kormaks losen Strophen ins Ge-
dáchtnis! Der Skalde ist in der Hauptsache Liebesdichter, des ersten Erwachens,
selbstbewuBten Renommierens, stúrmischen Begehrens, unwirschen Verzichts.
Bei der Seefahrt, im Kampfe, klingt Liebe als Leitmotiv durch, bildet den Gegen-
satz zu den erlittenen Mtihen. Meist ist es eine besondere Situation, die ihn zum
Dichten anregt: Die Geliebte reicht ihm einen Kamm, sie kritisiert sein Aussehen,
er wird durchnáBt auf dem Meere, die Rahe bricht im Sturme usw. Der ganze
Stoff, den ein Wikingerleben bieten kann, wird durchdrungen von dem Gedan-
ken an Steingerd, er kámpft um ihretwillen, er richtet Schmáhstrophen gegen
seine Feinde, die sie ihm vorenthalten wollen, bei seinem Tode im Auslande (die
Saga berichtet: in Schottland) richtet er seine letzten Verse an die Geliebte. Schon
die Vergegenwártigung des blofien Inhalts der Verse ftihrt uns auf eine besondere
Erlebnisform des Dichters: Er erlebt Einzelheiten, doch durch sie zieht sich, wie
eine fixe Idee, der Gedanke an die Geliebte. Fragen wir nun weniger allgemein:
Wie erlebt er diese Einzelheiten ? —
Kurze Situationen geben den Stoff her; wie sieht der Dichter sie ? Meist als
Szene; dabei macht es keinen Unterschied, ob die Szene etwas Erlebtes oder et-
was Vorgestelltes, in ráumliclier oder zeitlicher Ferne Liegendes, wiedergibt. Zu-
weilen wird die Szene im Zustande der Ruhe angeschaut. Dann vermittelt sie
einen Augeneindruck, meist dadurch abgestuft, daB der Blick aufier auf die
Hauptsache noch gleichsam auf ein Kuhssensttick fállt; das gibt uns einen
ráumlichen Eindruck, z. B. V. 2. „Ihre Wangenlichter brannten tiber das Kti-
chenholzhinweg; ihreFtiBesahichauf der Schwelle“; V.4. „...alssie vom.
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