Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Qupperneq 10
„es brausteWundentau“ (== Blut), V. 64, dann: „das Schwert sang“ V. 63, „Bran-
dung braust“ V. 37, doch in dieser Strophe wendet er sich dann gleich wieder zum
angeschauten Eindrucke: „die Klippen von Hakis (des Seekönigs) Blaulande
stehen aufrecht (?)“. Nur in szenischem Zusammenhange kommt es zuweilen zu
originelleren Gehörsbildern: V.48. „die heisere Hexe“; V. 53. „schnaube er nur,
der elende Kerl“. Als szenisch wesentlich ist auch V. 28 zu verstehen („schlimm
heulte der Blutbár“), denn dieses Geráusch des Schwertes beim Ziehen wird als
böses Vorzeichen gedeutet.
Anschaulichkeit verzerrt sich bei Kormak nicht selten zur Karikatur. Er
braucht von allen uns bekannten Skalden am liebsten parodierende Kenningar.
Ein Schwert-König wird zum „Sichel-König“, einer, der die Raben sáttigt, zum
„Kuhfiitterer“, statt Schildbrecher setzt er „Grab-Erbrecher“, statt Schiffes
Walter „Karrenwalter“. Dasselbe Spiel treibt Kormak auch im grofien. V. 14
láöt sich zunáchst an wie eine Schlachtschilderung: „Es stieÖ gegen Hrungnirs
Fuöes Unterbau“ (eine mythologische Schildkenning)1 — doch das Subjekt ist:
„der Wiese Schwert“, die Sense; áhnlich V. 53: „Der Röter der Schilde“ (das ist
eine ganz respektable Kriegerkenning) — „lieÖ ein Rostschwert iiber mir fuch-
teln“. In V. 13 wirft der Skalde eine ganze Reihe lebendiger Karikaturskizzen
hin: „Der Kuhfiitterer, er scheint mir im Hause rotáugig (vom Rauche) gewor-
den zu sein, der dreckige Trottel, der Lump in schmutzigen Fetzen, der die Wie-
senflur jaucht.“
Metaphorik gehört ganz allgemein zum Skaldenstil. Das Gewöhnliche ist,
daö die Kenning, die zweiteilige Umschreibung, isoliert steht, so daö sich ihr
Anschauungsgehalt nur schwer bestimmen láöt. Oft verschleiert sie mehr, als daö
sie verdeutlicht, so wenn z. B. der bildliche Ausdruck „sie entglitt meinen Hán-
den“ bei Kormak in der Form erscheint: „sie ging mir aus des Handfeuers (des
Goldes) Schalen“. Zuweilen greift aber die Kenning iiber ihren Zusammenhang
hinaus. Halbisoliert ist sie nochin V. 3: „Der Wimpernmondschien habichtscharf
auf mich“. Das Verb ist durch die Metapher ,,Mond“ fiir „Auge“ bestimmt, das
Epitheton aber setzt die Vorstellung des Auges wieder voraus. Nur einmal wird
das von der Kenning angeregte Bild einen lángeren Zusammenhang liindurch be-
wahrt: V. 28. „Der Hand-Bár (= Schwert) rannte zum Streite, er heulte, wollte
nicht aus seiner Scheidenhöhle heraus, unlustig, auf des Ati Haus (= Schild)
loszufahren.“ Meist verzichtet Kormak gerade dann auf die Kenning, wenn ihm
der Sinn nach bildlichem Ausdruck steht, die oben zitierte Verschleierung ist
eine Ausnahme. Die Verbildlichung des Verbs ist selten, die Deutung von V. 54:
„Ich lasse meine Schmáhung ihm in den Rúcken beiöen“, scheint mir fragwur-
1 Die Saga erzáhlt die Greschichte ein wenig anders, aber die Schildkenning der Strophe
scheint mir eindeutig zu sein.
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