Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Síða 16

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Síða 16
tief; er liegt zwisohen den Landschaften Strandir im Westen und Skagaströnd im Osten, die beide in der Erzáhlung genannt werden. Auf der Westseite von Vatnsnes, etwa 15 km von seiner Spitze, Jiegt der Hof Illugastadir, auf dem Jakob Bjarnason seit seiner Verheira- tung wohnte. Geboren ist er auf dem Hofe Tunga im Innern der Halbinsel, 3 oder 4 km westlich Illugastadir. Er lebte von 1842 bis 1887. An dem Leben Jakob Bjarnasons haftet wenig Besonderes, das ihn aus der Menge seiner Landsleute und Zeitgenossen hervorhöbe und um dessenwillen seine Geschichte erzáhlt zu werden verdiente. Auch seine hellseherische Begabung ist nichts AuBergewöhnliches in Island, wenn sie auch, wie mehrfach gesagt wird, nichts gerade AUtágliches ist. Es ist die Geschichte eines islándischen Bauern und Seemanns der zweiten Hálfte des 19. Jakrhunderts und könnte wohl ebensogut die vieler anderer sein, nicht nur dieser Zeit, sondern auch der vorausgegangenen Jahrhunderte und in den wesentUchen Ziigen auch noch unserer Zeit. Eur die Islánder ist sie aUerdings die Geschichte dieses einen Mannes, uns aber kann sie ein BUd geben von der Art, der Haltung und dem Leben vieler Tausender. Auch das Schicksal Jakob Bjarnasons kann als typisch gelten. Kemislándisch ist auch der Bericht úber diesen Mann: daC noch so reiche Erinnerungen leben an einen Menschen, der seit fast 50 Jahren tot ist, der zwar nach Gesinnung und Be- gabung úber den Durchschnitt seiner Landsleute ragte, aber von dem doch nichts Aufier- gewöhnliches zu erzáhlen ist; daC diese Erinnerungen sorgfáltig gesammelt und dann ver- öffenthcht werden und daC tiber aUe Quellen und Gewáhrsleute gewissenhafte Bechenschaft gegeben wird. Lebensgeschichten wie diese lassen sich aus den islándischen Zeitungen und Zeitschriften viele zusammentragen, und viele sind gesammelt und geschrieben von Bauern. Die erzáhlte Lebensgeschichte zeigt deutUch die groCe Bedoutung der Fischerei und See- fahrt fúr die Bauem der islándischen Kustenlandschaften und die Hárten und Gefahren dieser Berufe auf den Meeren um Island. Den Erzáhlern sind sie etwas ganz Selbstverstánd- Uches; sie kennen es nicht anders. Wir sehen auch, daG die Seefahrt hier eine áhnUche Be- deutung hat wie einst in der Sagazeit und dann in den Sagas die Sippenfehden. Hier auf der See herrscht dieselbe stándige Bedrohung, und Jakob Bjarnason tritt seine letzte Fahrt in derselben ruhigen Entschlossenheit an wie die alten Sagahelden, die durch Tráume und War- nungen wissen, daC der sichere Tod auf sie wartet. Auch die Art, in der Agnar sich zu der Fahrt treiben láGt, von der er nicht wiederkehrt, hat in den alten Sagas nahe Verwandte. AuffaUend áhnUch sind hierbei in beiden Gruppen Art und RoUe der Tráume, Ahnungen und Weissagungen. Hier wie dort bereiten sie den Mann auf sein Schicksal vor, und er versucht nicht, ihm auszuweichen. In den Islándersagas, deren Vorstufen wir nicht kennen, halten manche diese uns fremden Erscheinungen fúr bloCe Kunstmittel im Aufbau der Gesohiohten, im Dienste der kúnstlerischen Einheit oder um die Spannung zu erhöhen. Davon kann in den meisten heutigen Geschichten schon darum keine Rede sein, weil sie keine Kunstwerke sind und auch nicht sein woUen. Sie sind in ihnen keine Verzierungen, die irgendwann hinter- her aufgesetzt sind, sondern sie gehören im Gegenteil zu ihren Grundlagen, deim sie sind eine der Ursachen dafúr, daC diese Ereignisse und Schicksale nicht vergessen wurden und nun aufgezeichnet werden. Könnten diese Erinnerungen der letzten Generationen statt 50 Jahre 200 odor 300 Jahre in múndUcher UberUeferung leben und dabei zu Kunstwerken áhnUch den alten Sagas ausgestaltet werden, so wúrde aUerdings wohl auch in ihnen viel von den Tráumen und Ahnungen als bloCe Kunstmittel gedeutet werden können. Die alte Sagakunst hat auf die Geschichten dieser Art, die in den letzten Mensohenaltern in Island entstanden sind, mancherlei EinfluC, aber selten unmittelbar, und viele ÁhnUch- keiten zwischen den zwei Gruppen beruhen wohl nur darauf, daC beide von demselben Volke geschaffen sind und von Menschen desselben Volkes erzahlen. (Aus dem Berichte eines der Gewáhrsmanner des Verfassers.) .Jakob sah in •die Zukunft in vielen Dingen, und es traf immer ein, was er voraussagte. Im 16

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