Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1935, Síða 31
Kriegsgefangene gewesen — kehrt aus Norwegen naeh Island zuriick, um Silis, seine Jugend-
gespielin, zu ehelichen, nachdem er selbst Ruhm und Ansehen erworben hat. Bei seiner An-
kunft erfahrt er, daC sie die Gemahlin seines Freundes Helgi geworden ist und daB Helgi —
achuldlos — gar Glums Stiefbruder erschlagen und dessen Hof zu eigen genommen hat.
Damit ist Glums Stiefschwester Thordis eine Hörige Helgis geworden. Thordis liebte Helgi,
bevor er Silis zum Weibe nahm, und glaubte, daB ihre Liebe erwidert wiirde. Jetzt haBt sie
ihn und versucht, Glum zur Rache zu bewegen. Aber dessen Rreundesliebe ist so stark, daB
Kachepláne in seinem Herzen keinen Platz finden, zumal da Helgi Siiis freigibt, damit sie
zwischen beiden wahlen möge. Ihre friihere Freundschaft zu Glum ist aber inzwischen einer
festen Liebe zu Helgi gewichen. Erst als sie so durch ihre eigene Wahl fiir Glum endgultig
verloren ist, láBt er sich durch die Einflusterungen der Thordis immer stárker beeinflussen.
Sie versteht es, seine hemmungslose Leidenschaft, seine weitschweifende Phantasie, seinen
aufbrausenden Sinn — Merkmale der Rasse, der er durch seine Geburt angehört — auf-
zureizen und stets wieder gegen den Freund zu richten. Nach einem Wortstreit ersticht er in
rasendem Zom Helgi mit dem Dolch, den ihmTordis schweigend reicht. Von bitterer Reue
ergriffen, sinkt er an der Leiche des Freundes nieder. Heimatlos irrt er dann in den Einöden
umher und sturzt sich ins Meer, als ihm an der Bahre Helgis, zu der ihn wider seinen Willen sein
Weg gefiihrt hatte, die Worte der Seherin die ganze Schicksalsschwere seiner Tat enthullen. —
Ist schon dieser Vorwurf in seiner dramatischen Steigerung von starker Wirkung, so wird
das Werk durch Vollerthuns Musik zu einem Erlebnis. Die musikalische Entwicklung ergibt
sich aus dem Aufeinandertreffen „seelisch-musikalischer Kerne“ der handelnden — oder zum
Handeln gedrángten — Personen. Diese „Kernmotive" áhneln den Wagnerschen Leit-
motiven. Am Anfang des Stúckes, bei der Heimkehr Glums, begleitet das Freundschafts-
motiv Glum-HeJgi die BegrúBung der beiden Mánner; als Glum Helgi erstochen hat und an
der Leiche des Freundes kniet, taucht dasselbe Motiv in etwas veránderter Form auf und er-
klingt wieder in seiner ersten Gestalt beim Abschied Glums vom toten Freunde am Schlusse.
Denn trotz der Tat des Glum sind beide Mánner Freunde.-----Ebenfalls sehon am Anfang
des Stuckes klingt das Isla-Motiv auf, der Ruf des Sehers, der um die Tragik des Unaus-
weichilichen, des Sclncksalhaften weiB — und es kúndet. Wieder taucht dies Motiv auf, be-
vor Glum den Freund im Streit ersticht, mehrfach ertönt es gegen ScliluB. Poohend in
schwerer, unerbittlicher Eintönigkeit, fúhrt es die Musik in weitem Bogen zu neuer Ent-
wicldung.
Stárkste dramatische Steigerung jedoch erfáhrt die Musik durch die verschiedenen HaB-
und Rachemotive, die das Auftreten der Thordis begleiten. Sie ringen mit dem Freundschafts -
motiv in der Unterhaltung zwischen Thordis und Glum und ringen es schlieBlich nieder.
Worte könnten den schnellen Stimmungswechsel in der Seele Glums nicht so deutlich
machen, wie es der blitzschnelle Wechsel der Motive vor dem Streit mit Helgi tut.
Aber auch scliliclite, klare Stellen von fast lyrischem Gepráge weist das Werk auf, so die
Traumerzáhlung des Glum und das Liebeslied der Silis (1. Akt) oder das Liebeslied der Silis
an der Bahre ihres toten Gemahls (3. Akt) und der Gesang der Seherin Ardanna. Als Unter-
ton schwingt jedoch stets das Wissen um das unausweicMich Schicksalhafte mit. Diese Er-
kenntnis láBt Glum den Tod im aufbrausenden Meere suchen. Stark und stolz, wie Helgi
seinem Schicksal entgegenging, geht Glum am Ende seinen Weg. Aber Helgi weiB von An-
fang an um sein Schicksal und sieht ihm in der seelisch ausgeglichenen Haltung des ge-
reiften Mannes entgegen, wáhrend Glum sich erst zu dieser Erkenntnis durcliringen muB
aus einer Seelenlage heraus, die dieses Gleichgewicht noch nicht gefunden hat. Dieser Zwie-
spalt zwischen beiden Mánnern wird in dem dichterisclien Vorwurf erklárt durcli die Ver-
sclnedenheit der Rassen, aus denen sie hervorgegangen sind. Es erhebt sich jedoch die Frage,
°b diese Begrtindung nötig war. Ist es doch vielmehr der Gegensatz zwischen Jugend und
Hcife oder ein Zwiespalt, der die Seele eines und desselben nordischen Menschen erftillen kann.
Das Verdienst Vollerthuns ist es, iu diesem Werke Inhalt und Musik zu einer Einheit ver-
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