Mitteilungen der Islandfreunde - 01.12.1934, Blaðsíða 31
gemischt temperiert. Eine Klippe, mehrere hundert Meter vom Land entfernt,
tragt auch eine heiBe Quelle, allerdings ragt sie nur einmal im Jahr, im Friih-
jahr, uber die Meeresoberflache.
Wundervoll ist die Vogelwelt. Wenn im Friihling der Austernfischer, die Kii-
stenseeschwalbe und der rotkehlige Taucher erscheinen, wenn die Eiderenten ihr
Nest bauen und die Mantelmöwen briiten, dann ist die Luft voller Vogelgeschrei.
Es ist die Zeit der Arbeitshaufung fiir den Siedler. Oft muB die Halbinsel nach
Eiderdaunen abgegangen werden, die Mutterschafe miissen beim Lammen be-
obachtet werden und zugleich ist die Hauptsaatzeit im Garten. Ab Juni beginnt
dann der Versand des Gemiises nach dem Handelsort ísafjördur. Wir haben bis
jetzt auBer Kartoffeln und Riiben WeiBkohl, Blumenkohl, Zwiebeln, Karotten,
Porree, Kohlrabi, Salat, Spinat, Tomaten und Gurken angebaut und nebenbei
Topfpflanzen gezogen und im Winter Blumenzwiebeln getrieben. Der Viehstand
betragt augenblicklich 2 Kiihe, 2 Pferde, 30 Schafe und etwas Hiihner, Enten und
Kaninchen. Davon sind 9 Schafe, 1 Pferd und 1 Kuli gepachtet.
Die Heuernte ist sehr schwierig. Sie beginnt mit dem Máhen der unkultivierten
Moore auf demReykjanes und wird dann auf der Borgarey, einer benachbarten
Insel, fortgesetzt. Die Insel gehört der Kirche, und der Pfarrer gestattet uns die
Heumahd gegen geringes Entgelt, solange Reykjanes noch nicht geniigend Kul-
turwiesen besitzt.
Úber das Ziel der Reykjanessiedelung kann ich mich kurz fassen. Noch ist die
Schwierigkeit der finanziellen Existenz groB. Der Beginn mit geringen Mitteln,
die notwendigen Bauarbeiten innerhalb von IV2 Jahren, das Fehlen einer giin-
stigen Anleihe zur Wiesenkultur machen das Vorwartskommen schwer. Zwei
Haupistiitzen hat der Betrieb in der Schwimmschule (6—8 Wochen im Sommer)
und in der 1934 hier erbauten Bezirksschule. Es ist letztere ein Versuch, die auf
Arbeitsunterricht gegriindete Landschule in Island durclizufiihren. Der Scliul-
bau brachte eine Anlage fiir elektrisches Licht, deren Bedienung dem Páchter
gegen freie Stromlieferung iibertragen wurde. Auf dieser Grundlage soll der Be-
trieb als Hauptzweig Gártnerei betreiben und zur Diinger-, Fleisch- und Milch-
produktion Kiihe und Schafe ernáhren, wáhrend Gefliigel und Eiderdaunenge-
winnung nur als Nebenzweige auftreten.
Zugleich soll der Betrieb in seiner Gesamtheit deutschen Wissenschaftlern als
Ausgangspunkt fiir Expeditionen oder als Beobachtungsposten dienen. Biologie
der Thermen, Geologie und (im Drangajökullgebiet) Glaciologie, Meteorologie
und Strahlenforschung könnten hier unter giinstigen Verháltnissen Arbeitsmög-
lichkeiten finden.
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