Árbók Háskóla Íslands - 02.01.1927, Page 3
Einleitung
§ 1. Der islándische Wortvorrat wird auf ca. 200,000 Wör-
ter geschálzt.1) Man kann nicht annáherungsweise sagen, ein
wie grosser Teil dieser Wörter aus der sogenannten altnor-
dischen Periode stammt, denn ein nicht unwesentlicher Teil
der in der mittelislándischen oder erst in der neuis'ándischen
Periode auflrelenden Wörler kann als gemeingermanisches
Sprachgut nachgewiesen werden. Ein Vergleich zwischen dem
Worlvorrat in den altnordischen Wörterbíichern und dem
kiiizlich erschienenen umfassenden neuislándischen Wörter-
buch von Sigfús Blöndal: Islandsk-Dansk Ordbog zeigt zwar
einen betráchtlichen Zuwachs und eine Ánderung des Worlvor-
rats,2) indem viele der im altnordischen benutzten Benen-
nungen jetzt ausser Gebrauch gekommen oder völlig ausge-
storben sind. Die islándische Sprache in ihrer Enhvicklung
seit dem 9. Jahrh. bis heute ist trotzdem eine einheitliche
Sprache geblieben, die keinen einschneidenden Ánderungen
unterworfen wurde, und lásst sich daher nicht in eine alt-
islándische, mittelislándische und neuislándische Periode zer-
teilen wie elwa die dentsche Sprache. Am durchgreifendsten
ist die Quanlilátsánderung der isl. Sprache im 15. und 16.
Jahrhundert.
In der Wortbildung zeigt sich insbesondere die Konlinuilát
in der islándischen Sprachenlwicklung und deren Zusammen-
gehörigkeit mit den altgermanischen Sprachen. Viele der auch
nur im Neuislándischen auftretenden Wörter kommen in
den indogerm. Sprachen vor, andere sind im Germanischen
entstanden und finden sich in einem oder mehreren der alt-
germanischen Dialekte, im Gotischen, Althochdeutschen, An-
1) Vgl. Verf.: Hugur og tunga. Rej'kjavík 1926, § 16.
2) Vgl. Finnur Jónsson: Nokkur orð um islenzku vorra líma. Ársrit
Fræðafélagsins, Kaupmannahöfn 1924, § 42 ff.