Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1921, Blaðsíða 6
Bilder heranreichen kann! Jeder Zoll ist Bewegung und Leben, Wahrheit und
Schönheit! LiBmann bringt in seinen Bildern eine zweite Natur! So und
nicht anders fliegen die Schwáne, wenu sie sich in heranprallendem Fluge
mit gegen die Luft wie ein Schild ausgebreiteten Fliigeln auf dem Wasser
niederlassen, schon vorher deu Abstand vou demselben instinktiv abmes-
send und von der kraftvollen Bewegung mitgerissen noch auf eine lange
Strecke hin silberne Furchen ziehen und diamantene Tropfen dem Licht
entgegenschleudern.
Man betrachte die 5 Schwáne rechts etwas eingehender und man wird
die Schárfe der LiBmannschen Naturbeobachtung erneut bewundern miissen.
Wáhrend sich der eine Schwan soeben im Wasser niederlieB, die Flugel von
den Tropfen befreiend, sich der Ruhe vom Fluge hingeben wird, bremsen
der zweite und dritte die Geschwindigkeit der Beweguug mit vorgestreckten
Fliigeln, jeder derselben uns eind'illndere Phase des Fliegens bietend. Die
beiden letzten Tiere sind noch in vollem F'luge begriffen, nur der nach unten
gebogene Hals deutet schon auf ihr Ziel im Wasser hin.
Ebenso reizvoll ist das Bild mit dem Hverfjall im Hintergruude und den
langsam dahinziehenden Schwáneu und Enten, deren Ruhe von dem riit-
teluden Falken und durch den l'odesschrei seines schou im Wasser er-
spáhten Opfers bald eine jáhe tragische Unterbrechung erfahren diirfte.
Wenden wir uns nun zum Schlusse dem letzten uuserer Gemálde: „dem
ruhenden Islandfalken", zu. Nur eiu kleiner malerischer Vorwurf, aber
ein monumentales Bild! Hier verbindet sich eminentes Können mit einer
geradezu weit iiber das Objekt hinausgehenden, idealen Auffassung. Dieses
Tier lebt im Bild. Man hiite sich ihm zu nahen!
Fauchend wird es den máchtigen, gebogenen Schnabel und die bewehrten
Fánge nach dir recken, sich in Fechterstellung werfen, die scharfen runden
Augen werden „Falkenblitze" schieBen, wáhrend das wundervoll gewellte,
geáderte, gefleckte und marmorierte Gefieder sich drohend stráubt! —
Hier fehlt kein Federchen! — Kein Akzent der práclitigen Zeichnung ist
vergessen! — Ist der Vogel Staífage oder die Landschaft? Wer möchte es
entscheiden! Nichts ist Nebensache, alles Hauptsache! — Liebe, Interesse,
Wissen und Können leiten dem Meister den Kopf und fiihren ihm die Hand!
Wie sich dort die silberhellen Schwáne vom dunklen Hintergrunde deko-
rativ abheben, so hier der dunkle F'alke vom blendend weiBeu Gletscher
in der Ferne.
LiBmann iiberláBt nichts dem Ungefáhr, keine genialen Zufálligkeiteu
sind zu bemerken, alles ist gemalt, hineingemalt. Jedem Bliimchen ond
Bláttchen, jedem Grashalm ist sein Ort angewiesen. Es ist sicher nichts
von der Natur weggelassen, noch ihr etwas hinzugefiigt, was der Meister
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