Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1931, Blaðsíða 9
gesprochene melodische Grundform, deren Variierung ich dadurch zu ver-
anlassen suchte, dafi ich ihn verschiedene Versformen vortragen liefi, aber
es kam so gut wie nichts dabei heraus. Er hatte eben nur eine „Melodie",
die er je nach dem Text in gleichem Stile verkiirzte oder verlángerte. Dieser
Fall zeigt immerhin die enge Zusammengehörigkeit von Sprache und Melodie
der Reimweisen.
Von Flatey nahm ich den Kiistendampfer, der mich in verschiedene Háfen
der ,,West-Fjorde“ brachte, wo ich aber teils wegen des zu kurzen Aufent-
haltes und teils wegen Mangel an Volksliedersángern nichts ausrichten
konnte. Erst in 'Isafjörðr machte ich ein paar Tage Station und konnte
einige Volkslieder-Sánger heranholen. Die Rolle 43 zeigt noch nicht viel
Nennenswertes. Das erste Lied ist beim Abgufi der Rollen-Copie verdorben.
Das zweite Lied ist das fruher erwáhnte „Breiðifjörðr-Lied". Drittes
und viertes Lied dieser Rolle singt derselbe Sánger, der aus Eyjafjörður
stammt, wo iiberlieferte Volkslieder, scheinbar durch Einflufi der Stadt
Akureyri, nicht viel gepflegt werden. Diese zwei Lieder zeigen einen „Þulur"-
Stil, áhnlich dem der Reimweisen. „Þulur" sind lange Gedichte besonderer
Formgattung, vergleiche auch Rolle 45, die von demselben Sánger einge-
sungen wurde. Die weiteren Lieder der Rolle 43 singt ein Arbeiter aus der
Gegend von Isafjörðr. Es sind ziemlich matte Reimweisen. Zwischen
dem letzten und vorletzten Lied der Rolle 43 liegt eine verdorbene, unter-
brochene Stelle. Derselbe Sánger singt dann das erste Lied der Rolle 44,
das aber im Abgufi wie auch ein paar andere Anfangslieder irgendwie ver-
dorben zu sein scheint. Die folgenden Lieder dieser Rolle singt ein Sánger,
der aus der Gegend von Breiðifjörðr stammt. Vielleicht sind sie nur teil-
weise echt. Die zwei letzten Lieder dieser Rolle singt eine junge Frau aus
Akureyri. Das vorletzte Lied ist dadurch verdorben, dafi die Feder des
Phonographen abgelaufen war, ohne dafi wir es merkten. Diese beiden
Lieder scheinen zweifelhaft an Echtheit. Die Rolle 45 bringt nur Lieder
der sogenannten „Þulur", erst zweimal dasselbe Lied, nur ist der Anfang
dieser Rolle wieder irgendwie verdorben. Der Text dieser Lieder ist eine
Art Kinder-Márchen-Spiel. Der Vortrag ist halbgesprochen. Eine Verwandt-
schaft mit den Reimweisen ist unverkennbar. Namentlich der Schlufi des
ersten Liedes ist bemerkenswert (bei der Wiederholung deutlicher). Das
letzte Lied dieser Rolle, eine weitere „Þulur“-Melodie, ist stilistisch dem
fruheren Lied sehr verwandt. Vielleicht handelt es sich hier um einen
gewissen Lokalstil des Eyjafjörðr, wo der Sánger herstammt. Die Rollen
46 und 47 sind von einem Arbeiter eingesungen, dessen Familie aus Biskups-
tungur im Stidlande stammt. Woher er die Lieder hat, ist nicht sicher.
Er hat einen Sprachfehler, der aber durch den Phonographen kaum zu
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