Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1931, Blaðsíða 11
einem verfaUenen Gehöft dicht bei der Stadt erreichte ich einen Greis
Hallgrímr Kráksson, geb. 1847, der friiher als Volksliedersánger galt.
Er stammte aus Eyjafjörðr und Skagafjörðr. Wegen Altersschwáche
meinte er nichts mehr vortragen zu können, aber ich liefi es auf den Ver-
such ankommen. Er trug auf Rolle 48 erst drei Verse aus einer ,,Ríma“
mit derselben „Melodie" vor. Alles ist sehr undeutlich. Selbst seine Worte
habe ich kaum verstanden. Trotzdem beweisen diese Aufnahmen, dafi die
anderen Aufnahmen gröfitenteils stilistisch artechte tíberlieferungen sind.
Vor allem ist der langgehaltene Crescendo-SchluJ3 eines jeden Verses deut-
lich zu hören. An und fiir sich mögen sonst seine Lieder auch verstiimmelt
und vielleicht nicht besonders urspriinglich sein, zumal er aus dem volks-
liederarmen Eyjafjörðr stammt. Er trágt als viertes und fiinftes Lied
dieser Rolle noch zwei etwas anders geartete Reimweisen vor. Dazwischen
spricht er manchmal, weil er sich nicht dariiber klar ist, wann er mit seinem
> Vortrag anfangen soll, aber dies ist durch den Phonographen kaum zu hören.
Die weiteren Lieder dieser Rolle singt ein anderer alter Mann, geb. 1857,
der auch aus Eyjafjörðr stammt. Auch seine Lieder sind sehr leise und
teils undeutlich. Als Nr. 7 und 8 dieser Rolle singt er eine kurze Strophe,
die erst bei der Wiederholung deutlicher und lebendiger im Vortrag, wenn
auch nicht ganz identisch mit dem ersten Vortrag, zum Vorschein kommt.
Die ersten zwei Silben bei Nr. 6 und 7 sind unhörbar. Die weiteren drei
Strophen dieser Rolle sind in áhnlichem Stile gehalten, die melodischen
Phrasen nur verkiirzt oder verlángert, je nach den Worten. Diese Lieder
sind wie die meisten Lieder aus Eyjafjörðr ziemlich ausdruckslos. Die
Lieder der Rolle 49 singt der Distriktsarzt in Akureyri, ein Sohn des be-
kannten Dichters Matthías Jochumsson. Einzelne Töne sind hier kaum
hörbar. Das erste Lied soll eine Eassung der sogenannten „Vatnsdælinga-
stemma" sein und scheint eine ziemlich stilechte Úberlieferung zu sein.
Als Nr. 2 und 3 singt er zwei Strophen mit der gleichen Melodie, die gesang-
vereinsmáBig auslándisch geartet zu sein scheint. Als letzte Melodie der
Rolle 49 singt er das bekannte Lied zu „Þat mælti mín móðir" aus der
„Egilssaga", allerdings auf einen neuislándischen Text. Die Rolle 50 bringt
zuerst eine Reimweise, gesungen von einem Sánger, dessen Famihe aus
Skagafjörðr stammt. Die Melodie diirfte auslándischen Ursprungs sein.
Es folgt dann ein Zwiegesang, der als 50 b bei Hornbostel aufgezeichnet
ist. Das Lied wird von demselben Sánger und dem Arzt von vorhin ge-
sungen. Eine ganz artechte Volksiiberlieferung diirfte auch hier nicht vor-
liegen, denn beide Sánger sind kultiviert und der Arzt ein weitgereister
Akademiker und Gesangvereinsmitglied. Auch diirfte ihnen die Melodie
nach friiheren gedruckten Aufzeichnungen bekannt sein. Namentlich die
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