Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1931, Side 10
hören ist. Der Anfang der Rolle 46 ist wieder irgendwie verdorben, aber
die Melodie ist doch gröhtenteils zu erkennen. Es scheint dieselbe Melodie
zu sein wie die Melodie des fiinften Liedes dieser Rolle. Das zweite Died
der Rolle scheint auslándisch beeinflufit zu sein, ausgenommen vielleicht
der Phrasenschlufi. Nur der Vortrag ist, wie bei diesem Sánger iiberhaupt,
recht barbarisch. Die echte melodische Stileigenheit ist dem Sánger viel-
leicht nicht urspriinglich arteigen, sondern teilweise spáter im Nordland
angelernt, denn in Siid-Island wurden ja die Volkslieder weniger gepflegt.
In der Mitte des vierten Diedes der Rolle macht der Sánger eine Pause,
um sich zu ráuspern; es liegt also keine melodische Absicht in dieser Pause.
Das Ráuspern ist im Phonographen hörbar. Die Melodie des sechsten
(letzten) Riedes der Rolle 46 macht wieder einen auslándischen Eindruck.
Der Anfang der Rolle 47 zeigt denselben Fehler wie der Anfang einiger
der iibrigen Rollen. Nur die erste Verszeile ist hier verstiimmelt. In dieser
Melodie wie auch in der náchstfolgenden kann man den Dreivierteltonschritt
als Zwischen-Intervall zwischen der kleinen Terz festhalten. Úberhaupt
steckt ein unverkennbares eigenartiges Barbarentum in dem Vortrag dieses
Sángers. Drittes und viertes Eied dieser Rolle ist die Imitation einer soge-
nannten „Altweiber-Weise“ (Kerlingastemma). Die Tonhöhe ist sehr
schwankend und der Dreivierteltonschritt liefie sich auch hier mehrmals
festhalten. Bei der Aufnahme des dritten Liedes sind etwa die ersten drei
Silben bei der Aufnahme in Wegfall gekommen, wahrscheinlich weil der
Sánger sich zu weit vom Apparat entfernt hatte. Das vierte Eied der Rolle
soll eine Wiederholung des dritten Liedes sein, auch mit demselben Text,
aber es erweist sich, dafi die „Melodie" hier verándert erscheint. Man darf
daher annehmen, dafi eine melodische Absicht iiberhaupt nicht vorliegt;
nur der „Altweiber-Stil“ soll nachgeahmt werden. Das fiinfte (letzte) Eied
der Rolle ist eine Reimweise in dem typischen Rhythmus.
Von Isafjörðr nahm ich den „Schnell-Dampfer" nach Akureyri. Der
Dampf er hielt unterwegs in Siglufjörðr, wo der Pfarrer Bjarni Þorsteinsson,
Verfasser der grofien Volksliedersammlung, wohnt. Ich besuchte ihn in
seiner Wohnung, um ihm nochmal fiir seine an sich wertvolle Sammlung
zu danken und ihn iiber Verschiedenes zu befragen. Der alte Herr empfing
mich ziemlich abweisend und meinte, dafi es zwecklos oder gar irrefiihrend
sei, noch Volkslieder zu sammeln. Es gábe nichts mehr wie kiimmerliche
Úberreste und alles Notwendige wáre in seiner Sammlung schon enthalten,
vergleiche die friiher erwáhnten Abhandlungen iiber islándische Volksmusik.
Auch konnte oder wollte er mir keine Volksliedersánger in der dortigen
Gegend nennen. In Akureyri angekommen, erfuhr ich, dafi in dieser Gegend
so gut wie keine volksláufigen Volkslieder-Sánger zu finden wáren. In
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