Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1931, Blaðsíða 25
Ablehnung dieser gutgemeinten, aber sachlich allzu fehlerhaften und allzu romantisch
verbr&mten Schrift1 (die in bezug auf die allgemeinen geistigen Grundlagen nichts
Neues brachte) wieder ein Attentat auf „die einseitigen Philologen" konstruiert,
,,die Fachkreise, die ein geistiges Monopol auf Island zu besitzen meinen und Island
als philologische Provinz behandeln". (!!) Diese bösen Menschen! ,,Und wir armen
Islander!" sagte mir lachend ein junger Islánder, „kaum haben wir uns von den díi-
nischen Monopolen freigemacht, da vergewaltigen uns die deutschen Philologen!"
Es ist bedauerlich, daQ sich Herr Gretor aus Griinden, die kaum noch sachlicher
Natur sein können, zu solchen ÁuBerungen hinreiBen láBt, er behauptet auch, daB
die Abhandlungen der Festschrift in einem „deutsch-islándischen Kauderwelsch" (!)
verfaBt seien. Bedauerlich ist dies, weil man Herrn Gretor einmal als einen Mann
guten Willens glaubte kennengelernt zu haben und weil einem so viel gelegen ist an
allem, was unser Verháltnis zu Island vertiefen und bereichern könnte, daB man sich
nicht gern die Hoffnung nehmen láBt, daB die Antriebe, die im „Kreis" sich zeigen,
doch noch einmai in fruchtbare und von aller subjektivistischen Kleinlichkeit ge-
reinigte Leistung sich umsetzen. Gerade Georg Gretor hat einige entscheidende An-
stöBe gegeben, indem er die Wanderausstellung islándischer Malerei 1928 in Dáne-
mark organisierte, die dann durch die Nordische Gesellschaft in Liibeck auch nach
Deutschland weitergeleitet wurde, und indem er an der Jón Stefánsson-Ausstellung
in Hamburg im vorigen Jahr maBgebend mitgewirkt hat. Diese Initiative ist fur die
Geltung der jungen darstellenden Kunst der Islánder áuBerst bedeutsam gewesen und
bleibt immer verdienstvoll. Nur sollte man von dem Baum, der da mit gliicklichem
Griff gepflanzt werden ist und hoffentlich kráftig weiter gepflegt wird, nicht mit
Fruchten werfen, die noch gar nicht gewachsen sind.
Auf Island selbst ist die Festgabe „Deutsche Islandforschung" sehr gut aufgenom-
men worden. Es gehört ja zum Charakteristischen des Islánders, daB er die niich-
terne wissenschaftliche Arbeit, die auf Island selbst von Ari an immer die kíinstlerische
Schöpfung begleitet hat, zu schátzen versteht. So ist die „Deutsche Islandforschung
1930“ auf Island nicht nur von den „Fachgelehrten" (deren es iibrigens sehr viele
geben diirfte unter den Islándern), sondern auch von dem weiteren Volke begruBt
worden als ein Zeichen jener verantwortungsvollen Anteilnahme an Island, durch
die sich die deutsche Wissenschaft auf Island heimisch gemacht hat. Das habe ich
selber noch im letzten Sommer wáhrend eines mehrmonatigen Aufenthaltes auf Is-
land feststellen können. Das bezeugen auch mancherlei Zuschriften und die Bespre-
chungen von Islándern, so die von Professor Alexander Jóhannesson in Eimreiðin
(!93ö. 3- Heft), die von Professor Finnur Jónsson in Berlingske Aften (30. Januar 1931),
die von Professor Sigfús Blöndal in 'Arsrit hins íslenzka fræðafjelags 1930, die von
Professor 'Ag. H. Bjarnason in Morgunblaðið, 21. Sept. 1930 u. a. Alexander Jóhannes-
son schreibt uber das von Gretor geschmáhte Vorwort zum „Kultur"-Band: „Diese
warmen Worte legen ein besseres Zeugnis ab von dem Verháltnis der deutschen Ge-
lehrten und des deutschen Volkes zu Island in diesem merkwúrdigen Jahr als alle Ab-
handlungen; denn die Göttin der Wissenscliaft ist kalt und bedachtsam und láBt den
Gefúhlen die Zúgel nicht schieBen." Herrn Gretor sind auch die SchluBsátze dieser
Besprechung sehr zu empfehlen.
Der Gretorschen Kritik des Buches von Gustav Bucliheim: „Thule, das Land von
Feuer und Eis" muB man sich teilweise anschlieBen. Gretor verurteilt jenen Stil,
der auf Island unter dem Namen Adrian Mohr berúchtigt geworden ist und den er
kennzeichnet als einen „Mangel an menschlichem Takt und literarischer Kultur".
Nimmt man dieses Urteil in eine Zeitschrift auf, so sollte man doch nicht 8 Seiten
spáter (S. 700) in den (z. T. etwas sehr grellen, geschmacklos sensationslústernen und
auch von sachlichen Schnitzern nicht freien) „Bilderbogen aus Island" von Kurt
Siemers eine ÁuBerung dulden wie diese, die die Islánder wahrscheinlich veranlassen
1 Vgl. Mitteilungen der Islandfreunde: 1928, Heft 3/4, S. 62 f.
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