Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Side 4
und anderer, aber als Ganzes darf es eine Schöpfung Heuslers heiBen, der dies
fast vergessene groBe Gebiet sozusagen neu entdeckt hat uud sein bester
Kenner ist (vgl. seine Artikel in Hoops’ Reallexikon). Er hat besonders den
Unterschied von Heldenlied und Heldenepos scharf herausgearbeitet und da-
nxit auch dem Verstándnis der so viel náher an der HeerstraBe liegenden
mittelalterlichen Epenliteratur bedeutend vorwárts geholfen (vgl. neuestens
seinen ausgezeichneten Aufsatz iiber den Heliand, Zs. f. dt. Alt. 57, x)-
Diese seine Klarstelluugen haben Bedeutung uber das germanistische Gebiet
hinaus, so fúr die Homerkritik. Haben wir doch, wie H. zeigte, bei den Ger-
manen Epen und ihre Vorstufen, die Eieder, nebeneinander in reicher Aus-
wahl; bei den Griechen dagegen nur die Epen, deren Entstehung aus múnd-
lichen Riedern jedoch feststeht. Diese vorhomerischen Eieder nach dem Bilde
der erhaltenen germanischen uud nach MaBgabe von deren Verháltnis zu
den germanischen Epen zu denken, ist um so mehr geboten, als mittelbarer
geschichtlicher Zusammenhang zwischen germanischem uud griechischem
Heldensang ebensowenig bezweifelt werden kann, wie zwischen der Ilias einer-
seits, Beowulf, Waltharius und Nibelungen andererseits. Wilamowitz’ Ilias-
buch, das „Eied und Epos“ berúcksichtigt, aber ihm bei weitem niclit ge-
recht wird, kann unmöglich das letzte Wort der Homerforschung úber die
Eiederfrage sein. Auch die Romanisteu, fúr welche ebenfalls die vorepischeu
Eieder das X sind, dúrften unbeschadet Bédiers Ergebnissen es nicht bereuen,
wenn sie die germanischen Verháltnisse zum Vergleich studieren (vgl. Heusler,
Internat. Monatssclir. 13, 97ff.). — Eine dritte Quellengruppe, dereu Wesen
H. umfassender und tiefer begriffen hat, sind.die ‘Islendinga sögur, deneu
seine besondere Neigung gilt, in deren Verdeutschung er unerreichter Meister
ist, und um dereu willen er zweimal Island durchritten liat. Das Bild der
durchschnittlichen oder normalen Saga, das grúndlicliste Kennerschaft ihm
ergab, setzte ihn instand, die irgendwie abnormen Vertreter der Gattung als
solche zu erkennen. So hat er die Gunnlaugssaga — die leider verháltnismáBig
viel zu viel gelesene — als ein halb ritterliches Erzeugnis durchschaut, lauge
bevor sein Freund Björn Magnússon 'Olsen ausfiilirlich nachwies, daB sie die
Riddarasögur voraussetzt (1911). Die Gesamtdarstellungen der altuoidischen
Eiteratur bleiben so tief unteihalb solcher uud áhnlicher Erkenntnisse, stelreu
úberhaupt der Stilbetraclitung so fern, daB der erste Wunsch, den Heuslers
Otium in uns erregt, der sein wird, er möge uns bald eine altnordische Eitera-
turgeschichte schenken, damit wir endlich ein Werk besitzen, das diesen
Namen verdient. — Unter seinen ersten Arbeiten waren eiuige úber Metrik,
und sein neuestes Buch lenkt auf dieses Gebiet zurúck (Deutscher und an-
tiker Vers, 19x7)- Auch hier berulit das Eigene seiner Betrachtungsweise auf
der lebendigen Erfassung eines groBen Ganzen, des germanischen Versbans-
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