Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Síða 1
MITTEILUNGEN DER
ISLANDFREUNDE
ORGAN
DER VEREINIGUNG DER ISLANDFREUNDE
HERíUJSG.: prof. dr. w.heydenreich in eisenrch u. dr. h. rudolphi
1N LEIPZIG / VERLAG VON EUGEN DIEDERICHS IN JENfl
Vl.Jahrg. Heftl/2 Juli/Oktober 1918
Die MITTEILUNGEN DER ISLflNDFREUNDE ersdieinen als Vierteljahrssdirift
und werden den Mitgliedern der Vereinigung kostenlos gelief ert und vom
Verlage zugesandt. Der Mitgliederbeitrag betragt jahrlich 6Mark
I. AXEL OLRIK
3. JUUI 1864 BIS 17. FEBRUAR 1917
Im Mittelpunkt des weiten Gebietes, das Axel Olriks Arbeiten uinspannen,
lag die altnordisclie Philologie: von ihr ist er ausgegangen, der gröBte
leil seiner Schriften wurzelt in ilir, und seinHauptwerk, „Dánemarks Helden-
dichtung", gehört ihr ganz an. Altnordische Philologie aber ist in der Haupt-
sache altislándische Philologie; denn das alleruieiste, was wir voni altnordi-
schen Ucben wissen, wissen wir aus islándischen Handschriften. Das urufáng-
Hchste Denkmal auBerhalb Islands, das Bucli des Dáneu Saxo Grammaticus,
ist, wie gerade Olrik zur GewiBheit erhoben hat, keine rein dánische Quelle,
sondern weist ebenfalls auf Island zurúck, denn zwei Drittel seines Inhalts
^eruhen auf Fornaldarsögur, und solclie gibt es nur in Island. Die Balladen-
forschung, der der Verstorbene einen so groBen Teil seiner Kraft gewidmet
hat, arbeitet mit islándischen Texten als mit einem ihrer wichtigsten Hilfs-
mittel, ohne das die Frage nach der ursprunglichen Gestalt der Folkeviser
kaum gestellt werden dúrfte; Island ist fúr die skandinavische Balladen-
forschung in álinlichem Sinne klassischer Boden wie fur die Literaturgeschichte
des germanischen stabrehnenden Heldenliedes. Aus diesen Grúnden muBte
Olrik Islandologe sein. Er ist es gewesen mit einer Beherrschung des Stoffes,
<116 schwerlich ein Zeitgenosse úbertroffen hat. Und er hat sich in die beson-
'feren islándischen Verháltnisse mit der ihm eigenen Feinheit eingelebt,
so daB er auch nach dieser Seite hin erleuchtend gewirkt hat. Davon zeugen
nuuiche Teile seines „Nordischen Geisteslebens", die auf wenigen Seiten mehr
1 Mitt. d. Islandfreunde VI, 1/2.
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