Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Síða 2

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Síða 2
Einsicht in Wesentliches vermitteln als dicke Biicher. Olriks Tod bedeutet nicht nur einen schweren, unersetzlichen Verlust fiir die germanische Philo- logie und die Volkskunde; auch die Kenntnis des alten Island leidet, und so haben aucli die Islandfreunde Grund zur Trauer. Um von etwas Handgreiflichem auszugehen: die Frage nach dem keltischen Einfluþ auf die islandische Literatur ist von Olrik wesentlicli gefördert wor- den. Als er in jungen Jahren diese Frage aufnahm, war sie ganz neu: Guð- braudur Vigfússon und Sophus Bugge hatten sie eben zur Sprache gebracht. Olrik war von Bugge angeregt, dessen kiihne und vorurteilsfreie Problem- stelluug ihn fesselte, wáhrend seine zerstiickelnde Methode ihn eher abstieB, so daB er spáter sagen kounte, der EinfluB des groBen Neuerers auf ihn sei meist negativ gewesen, „ungefáhr so, als wenn ein stark geladener elektri- scher Gegenstand durch Verteiluug auf einen anderu entgegengesetzte Elektri- zitát hervorbriugt". Die Sage — und um diese, d. li. um Stoffzufuhr von deu Kelten zu den Nordleuten, handelt es sich — war námlich fur Olrik nicht wie fúr Bugge ein Mosaik, sondern (wie fúr Grundtvig) ein Organismus. Der hiermit angedeutete Unterschied der Grundanschauuugen hatte zunáchst zur Folge, daB Olrik sich den Buggeschen Ergebnissen skeptisch gegenúber- stellte, da sie zu ausschlieBlich auf Ubereinstimmungen in Einzelheiten uud auf Naurenáhnlichkeiteu aufgebaut waren. Gleichwohl erkannte er das Be- rechtigte der Fragestellung: die altnordische Geisteswelt konnte schwerlich lauter urgennanisches Erbe sein, es muBten wohl auch frernde Einflússe darin steckeu, darunter jedenfalls solche, die von keltischer Seite auf die Wikinger gewirkt hatten. Der gröBte Teil von Olriks gewaltiger Debensarbeit hat der Aufgabe gedient, festzustellen, wie weit diese Uberleguug zutraf. Der positive Ertrag war bedeutend. Aber er sah erheblich andcrs aus als bei Bugge. Dieser wollte, wie bekannt, antike und christliche Elemente nachweisen, die den Nordleuten durch Vermittluug der irischen Klöster zu- gekommen wáreu; sein Augenmerk war auf barbarische Umgestaltung ge- lehrter Bildungsstoffe gerichtet; er arbeitete in antiromantischem Geiste, wenn auch oline jede Geringschátzung der fúr abgeleitet gehaltenen Werte. Diese Tendenz konnte sclion deswegen nicht die Olriks sein, weil er Volks- kuudler war und angesichts der volkskundlichen Materialien der Anspruch der vornehmen (antiken) Diteratur, primáre Quelle zu sein, hinfállig wird. Olrik fand deun auch seine Parallelen in der Volksúberlieferung selbst, und zwar nicht bei einzelnen Völkern, sondern bei vielen, und nicht bei den Grie- chen und Römern, sondern bei deu östlichen und westlichen Nachbarn der Skandinavier. Die östlichen (súdöstlicheu) Einflússe sind vorgeschichtlich; ihr wichtigster Ausstrahlungsherd liegt im Kaukasus (Om Ragnarok 1902, 1914.). Die westlichen sind, wie Bugge richtig gesehen hatte, au die Wiking- 2 11

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