Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Side 5

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Side 5
den dánischen Kleriker Saxo durchweg bcsseres Verstándnis fiir alte Sagen- dichtung zugetraut als Snorri und seinen Kandsleuten, die klaren Geistes, als Erben einer hochentwickelten Erzáhlerkunst und reicher Schátze alter djberlieferung fern von den Herden kirchlicher Bildung lebten. Und wie er Islándern den alteu Blick auf die Dinge absprach, so dachte er auch zu Sering von ihrer Schöpferkraft: er wollte nichts wissen von der Entstehung Ueuer Kunstformen auf Island, weder der Saga noch der eddischen Elegie Hoch der Riesenþula (wie Brávallaþula). Uber diese Frageu haben er und sein Freund Andreas Heusler sich nie einigen können. Ich finde nun zwar das Recht in diesem Streit keiueswegs durchaus auf der Seite des letzteren, nteine vielmehr, daB ein entsprechender Nachweis, wie ihn Heusler, Ker und Sijmons fiir die alten Heldenlieder der Edda gefiihrt haben, ebenso fiir die altislándischen Ruckblicks- und Aufzáhlungsgedichte möglich ist: auch hier ergibt sich eine viel breitere gemeingermanische Grundlage, als daB man nur von Keimen sprechen dúrfte, und gewisse Aufstellungen Olriks in seinem Starkadbande werden gereehtfertigt. Gleichwoh.l bleibt das Bedaueru be- stehen, daB dieser es mit den eigeutlich literargeschiclitlichen Fragen etwas zu leicht genommen und die literargeschichtlicheu Ansprúche Islands nicht ivohlwollend genug gepriift hat. Diese Unterlassung trat am schárfsten dariu zutage, daB der erfolgreiche Saxokritiker die von ihm erschlossenen Sagas aus Norwegen stammen lieB statt aus dem Sagalande Island, fúr das °bendrein der Eateiner selbst ausdrúcklich Zeugnis ablegt. EáBt sich somit Olriks Bild vou der nordischen Vorzeit von gewissen fal- schen Perspektiven nicht freisprechen, so bleibt doch seine eigentliche GröBe hiervon unberúhrt. Sie berulite auf der Angemessenheit seiner Forscher- hegabung an ihre Stoffe. Bezeichuend fur dieses Verháltnis ist, daB er als junger Mensch daran gedaclit hat, Archáologe, Kunsthistoriker, zu werden. Kunsthistoriker kanu nur der sein, der die Eigenschaften von Kunstwerkeu Jebendig aufzufasseu imstande ist. Hierzu gehört ein fein und bestimmt rea- gierendes Wahrnehmimgsorgan, das in der Seele ein Gesamtbild des Kunst- Vvcrkes erzeugt, in dem uicht nur die einzelnen Teile enthalten sind, sondern auch das, was wir den Zusammenklang der Teile nennen können; mit anderen Worten: in dem Gesamtbilde steckt ein Gefúhl fúr den Organismus des Kunst- Werks, der nicht unmittelbar mit den Sinnen wahrzunehmen ist. Solche Ge- Samtbilder drángten sich Olrik auch auf bei der Bescháftigung mit der Dich- tiing. Mit ilinen árbeitete er, indem er sie an getrennten Orten wiederfand und sie nach der Verwandtscliaft in Reihen ordnete. Er nannte dies die typo- logische Methode. Auch der Vergleich des Einzelnen und der Narnen gehörte ^azu, aber nicht als erstes, sondern als letztes. Sicher haben nicht die nor- r°nen Namensformen bei Saxo den Ausgangspunkt abgegeben fúr die Zwei- 5

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