Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Síða 4
germaniscliexi Kultureinlieit und der germanischen Altertinnskunde so wenig
in Frage gestellt, wie Bugges mittelmeerisch-irische Hypothesen. Wir tuu
gut, uns hieran zu erinnern. Es laBt sich nicht leugnen, daB fiir Olriks Denk-
weise in der Gegend des Danevirke eine Schranke von kiinstlich gesteigerter
Höhe stand. Dies tut seiner Bedeutung als Forscher wenig Abbruch. Er
wollte eben nicht die siidgermanischen, sondern auBergermanische Kultur-
ehifliisse erforschen. Und natúrlich stand es ihm frei, das ,,Nordisclie Geistes-
leben in heidnischer Zeit“ fiir sicli zu schildern. DaB der Uaie an solches Ver-
fahren leicht falsche Vorstelluugen kniipft, brauchte ihu niclit zu kiimmern.
Immerhin fiihrt der Verzicht auf den gemeingermanisclien Gesichtspunlct
mindesteus auf einem Gebiete auch zu sachlichen Nachteilen: bei der Iielden-
dichtung. Auch in Olriks Hauptwerke, Danmarks Iíeltedigtning, macht
sich dies bemerkbar.
Hier ist nicht der Ort, náher darauf einzugehen. Doch eine augrenzeude
Beobachtung verdient ausgesprochen zu werden. Wie Olriks Gleichgiiltigkeit
gegen das Siidgermanische von Bugge iibernommen war, so finden wir aucli die
Buggesche Uberschátzung der Wikingzeit bei ihm wieder. In diesem Puukte
besteht ein auffallender Gegensatz zwischen Olrik und seinexn Lelirer Grundt-
vig (der auch mit seiuem „Waffeneid" — 1870 — eiuen Beitrag zur gerrna-
nischen Altertumskunde geliefert hat). Aber die beiden einigen sich wieder
in der Neigung, die Neuerungen der Wikingzeit so grundstiirzend wie mög-
lich zu denken. Diese Anschauung beeinfluBt nicht nur Olriks Beurteilung
der Literaturschöpfungen des 10. Jahrhunderts, sondern aucli seiue Ein-
scliátzung des Quellenwerts der 'Islendingasögur. Er sah in dem Leben der
Sagazeit eine wikingisclie Erscheinung, kein nachlebendes Stiick vorwikingi-
sclien Altertums. Mit Hilfe der lebensvolleu norrönen Typen, die uus die
unsterblichen altislándisclien Erzáhler zeigen, sich die gemeiunordische oder
gar die gemeingermanische Zeit klarzumachen, lehnte er ab. Zwar hat er
so krasse Formulierungen wie „Verrohuug" uud „Verwilderung" wolil nir-
gends gebraucht, aber Sitte, besonders Rechtsleben und Religioix der heid-
nischen Islánder schienen ihm docli weit abzustehen vou dem Wesen der alten
Zeit. Hierin áuBert sich letzten Endes ein romantisches Vorurteil, dasselbe
idealistische Bediirfnis, das in Olriks feinsinnigen Betrachtungen iiber den
geistigen und sittliclien Gehalt der alten Literaturwerke nicht selten dem
Wirklichkeitssiun des modernen Forschers in den Weg tritt. Fiir Olrik war
die heidnische Sittlichkeit zwar nicht, wie fur mancheu Kleinern, eine terra
incognita oder etwas schlechthin Peinliches, mit dem Mantel der patriotischen
Liebe zu Bedeckendes, aber er konnte ihr immerhin nicht voll gerecht werden
als einer gcschichtlichen Realitát. Auch sonst hat er die Altertúmlichkeit
der altislándischen Kultur unterschátzt. Er hat dem konfusen, lateinschreibeu-
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