Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Síða 24
die Presse als den wahren Ausdruck der Stimmungen ansehen, oder soll man
die ÁuBerungen einzelner, die durch eine augenblickliche X,aune oder aus
Höflichkeit verfálscht sein mögen, verallgemeinem ?
Das Bild, das ich im Folgenden von den Sympathien der Islánder entwerfen
will, wird also wahrscheinlich ein individuelles und unvollstándiges sein.
Bei Beginn des Krieges scheinen die Wogen der Erregung hoch gegangen zu
sein und sich sogleich eine stark deutschfeindliche Stimmung eingestellt zu
haben. Dies ist auch nicht zu verwnndern, da ja alle nach Island gehenden
Telegramme von den Englándem zensuriert werden, und die Zeitungen von
„Reuter“ sogleich mit den bekannten Diigennachrichten versehen wurden,
die besonders die Ereignisse in Belgien in nur englischer Beleuchtuug er-
scheinen lieBen. Als ich im Herbst 1915 von Amerika nach Island kam, hatte
sich der erste Sturm gelegt, und seitdem hat sich nicht mehr viel geándert.
Da ich an den aggressiven Ton der Zeitmigen uud des Volkes in den Ver-
einigten Staaten gewohnt war, erschieu mir die Anteilnahme der Islánder
an den Kriegsereignissen reclit lau.
Ausgesprochen alliiertenfreundlich sind die beiden Tageszeitungen Reyk-
javiks, „Morgunblaðið" und „Visir“. Besonders das erstere bringt jeden Sonu-
tag die spaltenlangen, offizielleu Berichte des englischen Konsuls, und er-
wirbt sich Dorbeeren durch einseitige „Aufklárung" der öffentlichen Meiuuug.
Die meist auf dem Dande gelesenen Wochenschriften geben sich nur wenig
mit auslándischen Augelegenheiten ab und verhalten sich ziemlich neutral.
In den Kaufstádten, besonders Reykjavík und Akureyri, ist auch die
Stimmung vorwiegend englandfreundlich. Besonders die Kaufleute, vielfaeh
Dáuen oder dánischer Abstammung und daher ohnedies deutschfeindlich,
sind durch alte Handelsbeziehungen stark an das nahegelegene England
gekniipft. Sie sind auf den deutschen U-Bootkrieg, der den Haudelsverkelir
erschwert, sehr erbost, vergessen aber in ihrer Blindkeit,daB es die englischen
BlockademaBregeln sind, die sie von Skandinavien ganz abschneiden. Doch
finden sich auch in den Stádten eine groBe Anzahl warmer Anhánger Deutsch-
lands, besonders unter den gelehrten Kreisen, den Professoren uud Árzten,
die fiir die deutsche Sache durch Wort und Schrift energisch eiutreten.
Was dagegen die breite Masse des Volkes, besonders die Bauern betrifft,
so scheint eine ausgesprochene Sympathie oder Antipathie nicht vorzuherr-
scheu. GewiB geben die Deute ikrer Bewunderung der deutschen Tiichtigkeit
und ihrem Erstaunen iiber die Unfákigkeit der Alliierten Ausdruck. Doch
verurteilen sie den deutschen U-Bootkrieg, der ihnen die Einfuhr verteuert,
ebenso wie die englische Blockade, welcke die im J ahre 1915 so gewiunbrin-
gende Ausfuhr nack Skandinavien unmöglich macht. Die eigenen Interessen
liegen ihnen eben am nácksten.
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