Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Síða 6
teiluug der saxonischen Quelleu, sondern das Wiedererkennen des Sagastils
mit seiner unterscheidenden Eigenart. Fiir die Rígsþula wurde Olrik eine
irische Grundlage behauptet haben, auch wenn der irische Name Rig darin
nicht vorkáme. Man sielit hier, wie die Entlehnungsnachweise von dem-
selben Forschergeist geprágt sind wie die Zurúckfúhrung des Saxotextes auf
seine Quellen. Derselbe Geist prágt aber Olriks Arbeit auch dort, wo es sich
nicht inn Quellenkritik handelt, sondern um die geschichtlichen Wandlungen
eines Stoffes. Beiden Fállen ist die Aufgabe gemeinsam, das Ungleichartige
zu trennen. Im „Nordischen Geistesleben" steht eine kurze Kritik der Egils-
saga, die mit sicherer Intuition das úberlieferte Ganze in seine sehr verschie-
denartigen Teile auflöst und deren inneres Wesen bestimmt. Man vergleiche
diese Einsichten mit den landláufigen Uehren úber die Sagas, und man wird
einen Eindruck davon bekommen, was Olrik erstrebt und geleistet hat. Als
lehrreiches Schulbeispiel fúr die Olriksche Methode empfehle ich seinen pole-
mischen Nachweis, daB Beowulfs und Frothos Drachenkampf nicht zusammen-
hángen (Rolv krake, S. 307ff.). Solche negativen Ergebnisse habeu luft-
reinigend gewirkt. Es war eine Zeit lang zu beftirchten, daB man in der Sagen-
forschung bald nicht inehr werde atmen köunen, so wimmelte es dort von
freischwebeudeu Identitáten fragwúrdigster Art. GewiB war auch Olriks In-
tuition nicht unfehlbar. Aber selbst weun alle seine Folgerungen hinfállig
wáren, eine heilsame und befreiende Eehre hátte er doch der Mit- und Nach-
welt unverlierbar eingeflöBt: das erste und das wúrdigste Objekt des Sagen-
forschers ist die einzelne Sage selbst; es gibt keine Sagengeschichte ohne ver-
traute Sa.genkenntnis; eme gute Nacherzáhlung sollte der Sagenhistoriker
sich ebenso zmn Ziel setzen wie der Kunsthistoriker eine gute Beschreibung.
Es wáre zu wúnschen, daB das Vorbild des groBen Forschers noch melir
zúndete, als es bisher getan liat. Die Bedingungen hierfúr wáren gúnstiger,
wenn seine Hauptwerke1 in deutscher Ubersetzung vorlágen. Vor Jaliren ge-
langte — wenn ich nicht irre, aus Hamburg — eine Anfrage an mich vou
einem Herrn, der Eust hatte, den Rolv krake (1903) zu verdeutschen. Ich
habe damals leider abgeraten. Heute denke ich anders. Olriks Schriften
sind imrner leicht und angenelnn lesbar. Das gelehrte Beiwerk tritt ganz zu-
rúck. Der gröBte Teil des Inhalts kann nie veralten. Der Reichtum auch an
sachgeschichtlichen Nachweisen macht namentlich die beiden Bánde der
Heltedigtning — und gewiB auch die Fortsetzung, auf die wir hoffen — zu
einer Goldgrube fúr recht weite Kreise von Forschern, die der Möglichkeit,
Olrik bequem zu benutzen und zu zitieren, gewiB bald sich freuen wúrden.
Heidelberg. Gusiav Neckel
1 Nordisk Aandsliv ist 1908 von W. Ranisch iibertragen worden und hat, soweit mir
bekannt, gute Verbreitung geíunden. Úber eine deutsche Bearbeitung von Ragnarok I
bestanden Verabredungen zwischen Ranisch, Olrik und seinem Verieger.
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