Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Síða 25
Unter dem Drucke der eigeuen Sorgen, besonders der immer gröBer werden-
den Teuerung, scheint allgemein das Interesse arn Kriege nachzulassen, und
das Bediirfnis nach lialdigem Frieden wird inuner stárker. Da aber die Alli-
lerten diesem so schroff entgegenstehen, wáhrend Deutschland die ersten
Schritte dafiir getan liat, scheint sich neuerdings die Sympathie rnehr aut'
unsere Seite zu neigen.
Geben auch einzelne Ilitzköpfe in starken Worten ihrer Parteinalune Aus-
druck, so ist bei dem ruhigen Temperament der Islánder eine ernste Demon-
stration so gut wie ausgeschlossen. Es wird daher auch nach dem Kriege
ein jeder Deutsclie das Band bereisen und iiberall dieselbe Gastfreundschaft
genieBen können, wie friiher. Auch der deutsche Kaufmanu und die lange
entbehrten deutsclien Waren werdeu eine vorurteilsfreie Aufnahme finden.
Dennoch sollte man auch von deutscher Seite aus sich bemiihen, das be-
reits vorhandene Interesse fiir deutsches Wesen, deutsche Diteratur und
Spraclie zu fördern. Fiir die Griindung einer deutsch-literarischen Vereini-
gung nach dem Kriege scheint hier starke Stimmung zu herrschen. Mit dieser
diirfte die „Vereinigung der Islandsfreunde" wohl bald engere Beziehungen
ankniipfen. Kine andere dankbare Aufgabe fiir die Vereiuigung wáre es, da-
fiir zu sorgen, daB der recht geringe Bestand der Bandesbibliothek in Reyk-
javik an deutscher Biteratur — wissenschaftliche Werke sind in groBer
Anzalil vorlianden — der Bedeutuug derselben entsprechend ergánzt wird.
Die Í5prache ist das Band, das die Nationen verkniipft, daher miissen wir
1111 Auslande das Interesse fiir die deutsche vSprache wachzulialten suchen,
dann wird auch deutsches Wesen Verstándnis uud Sympathie finden!
lieykjavík Gnslav Funk
X. DER LANDSMANN
Am 28. Januar nachmittags rvartctc in einem Frankfurter Barbicrladen neben an-
deren Kunden ein junger Mann aus dem Arbeiterstande auf die Verschönerung seines
auCeren Menschen. Er war sehr aufgercgt, zog wiederholt die Uhr und bat endlich,
auQer der Reihe bedient zu werden. Dazu ist natiirlich in einem dichtbesetzten Barbier-
!aden eine Volksabstimmung nötig, denn Zeit ist fur alle Geld. Der Eilige wurde
gcbeten, sein Verlangen zu begriinden.
,,Ich muC ins Theater und will mich vorhcr noch umziehen. Ich war noch nie in einem
Theater und weiG auch noch gar nicht, wo das Theater ist, in das ich will I Aber ich
muG liin, ich muC, ich muG, ich muC, und es ist die höchste Zeitl“
,,Ja, da könnte jcder lcommen," wurde ihm ervvidert, „andere Leute haben’s auch
eilig, weun sie auch nicht gerade ins Theater gehcnl"
„Aber ich muG doch ins Theaterl"
„Ja, aber warum denn ? Und warum grad heut zum erstenmal?"
„Warum ? Warum ? Es wird doch ein Stiick gegeben, das heiCt „Loftur der Schwar-
nier" von Sigurjónsson, ein islándisches Stiick von einem islandischen Dichter, lauter Is-
lánder kommen darin vor und das will ich doch selien, denn ich bin doch auch ein Is-
lander, ich bin der einzige Islander, den es in Frankfurt gibt, und da muO ich doch ins
1 Aus der Frankfurter Zeitung Nr. 35 vom 4. Febr. 1918.
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