Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Qupperneq 2
Arlesheim waren íertig, da kam der Krieg, und die Treue hielt ihn auf seineiu
Posten bis zum triiben Ende. Heusler war eben nicht Lehrer mit Leib und
Seele, er war unzufrieden mit sich als Dozent, und Professor zu heiBen schuf
ihm Unbehagen. Er ist seinem eigentlichen Lebensgeschmack nach Privat-
gelehrter; ein geistiger Verwandter des verehrten Hermann Grimm; Viktor
Hehns, zu dessen charaktervoller Art er sich ebenfalls nah hingezogen fiililt;
J akob Burckhards, seines Lehrers, dessen Methode wohl in keinem Lebeudeu
so kraftig fortwirkt; Friedrich Nietzsches, der fiir seinen Entwicklungsgang
viel bedeutet hat; ja auch Wolfgang Goethes, des groBen Dilettanten. Geister
solcher Anlage fiihlen sich selten wohl in irgerideinem Lehramt, einfach weií
sie ihrer Natur nach „das Wort so hocli unmöglich schátzen" können. Dies
schlieBt Meisterschaft desWortes nicht aus, auch des miindlichen. KeinVor-
sitzender eines Gelehrtenkongresses kann treffender und feiner das Verdienst
eines Redners formulieren, als Heusler dies 1908 vor den versatnmelten Histo-
rikern nach einem Vortrage des Archáologen Schuchhardt getan hat. Und
kein Grammatiker, bei dem ich gehört habe, setzte sprachliche Dinge ver-
wickelter Art — wie Hofforys Forschungen iiber Konsonantismus oder Kocks
Umlautstheorie — so klar und eindringlich auseinander wie H. Er ist wahr-
lich kein schlechter Dozent gewesen. Freilich teilte er mit 90 Prozent unserer
Kollegen das Schicksal, daB es ihm nicht gegebeu war, stark auf die grofie
Menge zu wirken, etwa wie ein Treitzschke, fiir desseu GröBe niemand eiu
offeneres Auge hat als er. Das lag aber bei ihm nicht, wie das sonst zuweileu
vorkommt, an ausschlieBlicher Trockenheit der Stoffe oder an saft- und lcraft-
loser Geistesart, sondern an der Feinlieit und Urspriinglichkeit seiues Deu-
kens, die der Durchschnittshörer nicht zu schátzen weiB — wáhrend ein bC'
kannter Historiker ein ihm sachlich fernliegendes Kolleg wie Phonetik bei
H. durchgehört hat, nur weil ihn die Betrachtungsweise fesselte —; dazu
karneu ein durchaus unrhetorischer Vortrag, der AusfluB voruehmster Sinnes-
art, die immer nur darauf bedacht war, die Iiörer sclilechthin zu fördern, me
darauf, zu glánzen oder zu gewinnen, und — urn alles zu sagen — ein starker
ZuschuB von Skepsis zu einem von Haus aus enthusiastischen Temperament-
Wer Heuslers Biicher zur Hand nimmt, wird bald merken, daB er mit Ge'
bilden anderer Art zu tun hat als iu den meisten wissenschaftlichen, zuinal
auch germanistischen Schriften der letzten Jalirzehnte. Was H. iiber Metrik
geschrieben hat, mutet sehr anders an als die Auslassungen von Sievers iibef
die gleichen Gegenstánde. Seine literargeschichtlichen Arbeiten, z. B. daS
bahnbrechende, lichtvolle Heft Lied und Epos (1905), heben sich rleutlid1
ab von sámtlichen andern Behandlungen der altgermanischeu Dichtuug. í^111
Werk wie das Strafrecht der Islándersagas (1911) — in dem ich H.s bisher
bedeuteudste Leistung erblicke — hat iiberhaupt kein Gegenstuck, wedef
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