Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Qupperneq 6
záhlenden Verstandes und jener Unempfánglichkeit, die den Wald vor lauter
Báumen nicht sieht, ist also Philologie entweder iiberhaupt nicht möglich,
oder sie wird zu einer Art Betrieb, die jeden Anspruchsvolleren enttáuscht.
Es durften im Laufe von Heuslers Lehrtátigkeit nicht ganz wenige gewesen
sein, die er von dieser Enttáuschung befreit hat.
Fúr die Islandfreundemöge zweierlei nochbesonders herausgehoben werden.
DaB Island fúr den Germanisten klassischer Boden sei, hatte einst Jakob
Grimm ausgesprochen. In der Zeit der schlimmsten Zersplitterung und Ver-
áuBerlichung unserer Studien, um 1880 und 1890, war dies nicht nur so gut
wie vergessen, man leugnete es geradezu, und das Studium des Islándischen
ging infolgedessen zurúck, áhnlich wie das des Sanskrit. Heusler hat das,
was an Grimms Satze richtig ist, neu zur Geltung gebracht: die Eddalieder
stellen Reste und Ausláufer einer alten, genreingermanischen Literaturfamilie
dar, sie bieten fúr diese das weitaus beste Anschauungsnraterial, sie zeigen die
ursprúngliche Fornr fúr das, was wir weiter súdlich bei Chronisten und in
Epen als „Sage“ bewahrt finden; und die Kultur Alt-Islands gleicht in so
vielem der urgernranischen, die Tacitus schildert, daB die Sagas in ihrer Stoff-
fúlle und Intimitát, wenn besonuen ausgeschöpft, eine Quelle ersten Ranges
sind fúr das heidnische Gernranentunr úberhaupt; das germanische Altertuin
kann ohne die Sagas nicht verstanden werden. Und dasZweite: Der Blick
fúr die Eigenart der islándischen Kultur hat H. befáhigt, das islándische
Sondergut in der eddischenUberlieferung zu erkennen und úberhaupt Islands
Anspruch auf die ,altnordische’ Literatur zur Geltung zu bringen.
Bei weitem nicht alles, was H. uns gegeben hat, ist in seinen Schriften zu
finden. Vieles von seinem Besten hat er nur múndlich mitgeteilt, in Vor-
lesung und Gesprách. So steht er, áhnlich wie der sehr auders geartete
Sophus Bugge, hinter mehr als einer Veröffentlichung, die nicht seineu Namen
trágt. Ubernaupt ist sein EinfluB auf Mitforscher, besonders natúrlich auf
júngere, aber nicht nur auf solche, erheblich gröBer, als der Fernstehende
erkennen kann. Sein eigentliches Wirken, kann man fast sagen, liegt abseits
von der öffentlichkeit. So liegt auch das MaB der von ihm-geleisteten Arbeit,
trotz des Stoffreichtums uud der Akribie seiner Schriften, lange nicht voll-
stándig am Tage. Er liebt es nicht, FuBnotengelehrsamkeit auszubreiten und
weitláufig zu polemisieren. Wenn seine Akademie-Abhandlungeu rnehr ge-
lehrten Apparat eutfalten, so beruht das gewiB nur auf gezietnender An-
passung an die Sitte, die ja auch ihr Gutes hat. Fúr den Náhertretenden
zeugt am eindrucksvollsten wohl die Neuausgabe der Grimmschen Rechts-
altertúmer tnit der Einarbeitung der Nachtráge und Identifizierung unge-
záhlter, groBenteils verschollener Búchertitel, eine selbstlose Huldigung n11
den Altmeister.
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