Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Blaðsíða 9

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Blaðsíða 9
Hchkeit. Aucli aus guter altdeutscher Prosa kennen wir sie. Dann ist sie vor de;n HinihiB des Lateins wenigstens aus unserer geschriebenen Rede gewichen, — obwohl auch heute noch die germanischen Schriftsprachen (atn wenigsten die euglische, am meisten die norwegische) viel von jener unromanischen Hinfalt haben. Hs ist ein anderes Gefiihl fiir Periodcnbau; vieles wurde beigeordnet, was wir unterordnen; die Nebensátze stellte man lieber nach als vor, lieber nebeneinander als ineinander. Das Bediirfnis Uach gedanklicher Abstufung und Verkettung war schwácher. Die Zu- sanimeuhánge hat sich oft der Hörei zu ergánzen; oft kommeu Wortstellung, Rhythtnus zu Hilfe und ersetzen die besonderen Satzklammern. Zuweilen hat man altislándische Prosa so iibertragen, daB man sie — wtehr oder weniger folgerecht — in die neuere I.ogik und Syntax umdachte. Sie braucht darum noch nicht gerade buchmáBig zu werden. Ein Beispiel ist Finnur Jónssons dánische Wiedergabe von Snorris Mythologie (Gylfa- ginning). Das höhere Ziel wird sein, die alte Kindlichkeit nach Kráften nachzubilden. Bei der Njala strebte ich an, Hauptsatz durch Hauptsatz, Nebensatz durch Nebensatz zu geben uud auch die Stellung der Nebensátze, die Sparsamkeit der Gelenke möglichst zu wahren. Der Satzbau des deut- schen Textes sollte, iui groBen genoinmeu, so viel und so wenig Stockwerke iiaben wie der altislándiscke. Bedingungssátze ohne wenn und Substantiv- sátze ohne dafí muB man dabei freilich als Nebensátze reclinen. Namentlich diese letzte Satzart ist dem Sagaverdeutscher ans Herz zu legen. An zahl- losen Stellen wirkt ein ’sie glaubten, er sei fortgeritten’, und áhnliches, lebendiger, fliissiger als der dafi-Satz. 4. Wie weit man in der 'i'reue gehen darf, muB unser Sprachgetiihl von I'all zu Fall entscheiden. Oberstes Gesetz bleibt imraer; es muB deutsch klingeu. Wo man Skaldenverse úberrrágt oder irgend etwas in verziertem Stil, da steht man wohl vor der Frage, wie weit man durdi Fremdartiges, Gndeutsches den Eindruck des Echten erkaufen darf, zu schweigen von dem leidigen Zwang der Forin. Aber die Sagaprosa hat keine vom Inbalt zu trennende Forin; und dies diirfen wir getrost behaupten: sie hat ihren Hörern naturlicli geklungen, wie die allbekannte Rede des Lebens. Ihre Kunst besteht darin, daB sie das Stockende, Uuklare, das MiBratene der táglichen Rede aussiebt; sie ist so, wie die natúrliche Rede in guten Augen- blicken ist. Die Verdeutschung sollte daher wie selbstverstándlich klingen, wie ein gewohntes, unprápariertes Deutsch. Der Ubersetzer muB sich fragen, nachdem er sich mit vSinn, Stimmimg, Rhythmus einer Stelle ganz durch- drungen hat: wie sagt man im Deutschen dafiir? was ist der deutsche Gegenwert, begrifflich und stimmungskaft ? — Dies kanu oit langes Be- sinnen kosteu. Maudenkt au das Huthersche ,den Heuten aufs Maul sehen’. 49

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