Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Side 19
Wand begrenzt, in die sich ebenfalls eine Schlucht, die Hrafnagjá, Raben-
schlucht, als Gegenstúck zur Almannagjá einschneidet. ISiach Norden zu
steigt dieBbene allmáhlich an und wird von den hohen Vulkanbergen Inner-
Islands begrenzt.
Geologisch wird Þhingvellir als Einbruchstal betrachtet. Der aus spröder
Dava bestehende einsinkende Talboden konnte dem Zuge nicht nachgeben,
sondern barst zu beiden Seiten in langem Bruch ein, und so entstanden
die beiden Schluchteu.
In friiheren Zeiten wurde auf Þingvellir das Althing abgehalten. Man
zeigt noch den Lögberg, auf dem dasVolkaus allen Teilenlslands jáhrlich zu-
sammenströmte, uni hohe Politik zu treiben, wiehtige Rechtsstreitigkeiten
zu entscheiden und sich nebenbei au Kampfspielen zu erfreuen. Oft fúhrten
die Gerichtsverliandlungen auch zu blutigen Fehden. Wochenlang wohnten
die Teilnehmer in kleinen Notbehausungen, die sich jedes der beriihmten
Islandsgeschlechter in der Umgebung des Althings errichtet hatteu. Voll
Stolz zeigte uns unser vortrefflicher Fúhrer, Herr Thomas Snorrason,
die Stelle, wo, durch eine viereckige Vertiefung kenntlich, das Geschlecht
seiner Ahuen, unter denen sich der Gode Snorri befunden haben soll, ge-
haust hatte. Dr. Dierbach
VI. ZUM GEDÁGHTNIS ZWEIEE DICHTER
i. J ón Thoroddsen
1819—1919
1 5. Oktober 1919 waren es hundert Jahre, daB der Sysselmann Jón
J~\ Thoroddsen geboren wurde, einer der bedeutendsten Dichter Islands irn
19. Jahrhundert. Wir haben von ihm zwei umfangreiche Erzáhlungen und
eine kurze, sowie einen starken Band Gedichte. Seine Schriften haben auf
Island groBen Anklang gefunden, vor allern „ Júngling und Mádclien" (1850),
die erste wirkliche Erzáhlung aus der Gegenwart, die die islándische Eiteratur
besitzt. Sie ist auchdasjenige Werkder rieuislándischen Eiteratur, das zuerst
in fremde Spraclienúbersetzt wurde (so auck ins Deutsche mit Einleitung und
Anmerkungen, von J. C. Poestion, Eeipzig, Reclam); so wurde Thoroddsen
der erste Bote neuislándischer Uúeratur in der Welt. Es ist eine Erzáhlung
aus dem Ueben auf dem Dande uud in dem Geiste geschrieben, der damals
in der Diteratur Mode war; gleichwohl aber ist die Erzáhlung echt islándisch
(rammíslenzk). Die Natur Islands tritt anschaulich hervor mit ihrem Deben
und in ikren Farben, die Personen sind lebensvoll und natúrlich. Es ist das
Beben in Island auf dem Eande und in Reykjavík in den Jahren 1840—1850,
das J. Th. iu dieser Erzáhlung schildert. Er will treu und wahr in seinen
Schilderungen sein, aber ein Hauch romantiscker Schöuheit liegt úber dem
5 Mitt. d. Islandfrcunde VII, 3/4
57