Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Page 44
Zu der schon melirfach erörterten Frage der Abstammung der Fdringer ergreifen neuer-
dings zwei Danen, G. Lindwall und SörenHansen, das Wort in zwei Aufsátzen in der
Geografisk Tidskrift 1919, S. 49—52 (Bidrag til Sporgsmaalet om Færingeres Afstani-
ming und Raceforholdene paa Fœroerne). Schon Landt fiel es auf, daB die Bewohner
von Suderö kleirier, rundlicher, beweglicher und von lebhafterer Sprache sind als die
Bewohner der nördlichen Faröer, und Arbo fand, daB die Sudringer in vollstándigem
Gegensatze zu den iibrigen Fáringern stehen, was er durch eine keltische Kolonisation
von Suderö erklarte, die zwar von den Wikingern unterdruckt wurde, aber ihre Spuren
bis heute hinterlassen habe. Nach Jakobsen aber ist der keltische Einschlag auf den
Faröern gering und höchstens auf Suderö in bescheidenem MaBe nachweisbar. Nach
ihm riihrt dieser EinfluB aus einem álteren Stadium von den Shetlandinseln her. Sören
Hansen stellte auf Grund von 2000 Messungen von Faringern, die Jörgensen ausfiihrte,
fest, daB die Bevölkerung der Fáröer sicher rein nordischer Abstammung ist, ohne daB
nennenswerte Beimischungen fremder Elemente nachweisbar seien und daB auch die
Bevölkerung Suderös homogen sei und keine fremden Eleiriente entliielte. Nach Lind-
wall ist das aber nicht bewiesen und Homogenitát ist noch keine Rassenreinheit. Vom
Anfang des 13. Jahrhunderts bis zum Jahre 1469 standen die Fáröer und die Shetland-
inseln zusammen unter einem Lagmann. Die Bevölkerung der Shetlandinseln und Nord-
schottlands war damals keltisch-germanisch gemischt und so kann man von einer halb-
keitischen Einwanderung nach den Fáröern sprechen. Auch auf den Fáröern wiitete
dann die Pest und raffte viele Menschen hinweg. Der Sage nach kamen darauí wieder
mehr Menschen aus Norwegen nach den Inseln. Noch im Jahre 1571 galt hier das
katholische Heiratsgesetz, das Heiraten zwischen Personen im dritten und vierten Ver-
wandtschaftsgrad verbot. Unter diesem Gesetz litten die Sudringer mehr als die Be-
wohner der anderen Inseln, weil sie am meisten isoliert waren. Es ist deshal'b leicht
möglich, daB sie sich ihre Frauen aus umliegenden Lándern holten. Im 16. und 17. Jahr-
hundert kamen viele Seeráuber und Freibeuter verschiedener Nationen, Hollánder,
Englánder, Franzosen, Spanier und Portugiesen nach den Fáröern und besonders Suderö
litt unter diesen ráuberischen Uberfállen. Nicht selten kam es vor, daB die Seeráuber
auch die Frauen der Fáringer schandeten. Eine besondere Rolle spielten unter diesen
Freibeutern die aus den Barbareskenstaaten, die man heute noch auf den Fáröern
,,Tiirken“ nennt. Sie suchten die Inseln in den Jahrcn 1627 und 1629 lieim und kamen
auf letzterer Fahrt sogar bis nacli Island. In Kvalbö auf Suderö ist ein Grab (Turka-
gravir), in dem der Sage nach 300 nordafrikanische Seeráuber, die bei einer Strandung
umkamen, begraben liegen. Ein Teil der Einwohner von Kvalbö soll von solchen ge-
strandeten ,,Tiirken“ abstammen. Auch die Franzosen suchten die Fáröer heim und
die Zeit von 1675—79 nennt man noch heute auf den Faröern ,,Fransatiden“. Fremde
Fischer und Schleichhándler kamen ebenfalls oít nach den Inseln, besonders nach
Suderö, und sie benahmen sich nicht besser als die Seeráuber. Zur Zeit des Handels-
monopols (1569—1856) biiihte ein lebhafter Schleichhandel auf Suderö. Da die Sudringer
nach Thorshavn einen weiten Weg hatten, um dort Waren ein- und zu verkaufen, ver-
sorgten sie sich leichter durch Schiffe aller möglichen Nationen. Auf diese Weise kamen
ebenfalis fremde Elemente nach Suderö. Viele Schiffe sind dort gestrandet und die
Bemannung wird sich oft auf Suderö niedergelassen und dort verheiratet haben.
Sören Hansen, der sich schon friiher mit diesen Fragen bescháftigt hat1 und der das
fruher vermutete Vorhandensein eines alpinen Rassenelementes, dessen Selbstándigkeit
er iibrigens bezweifelt, auf Suderö leugnet, spricht sich gegen Lindwalls Annahme kel-
tischen oder iiberhaupt íremden Einílusses auf den Fáröern aus. Auch dort gibt es 'V1C
uberall groBe und kleine, hclle und dunkle, lang- und kurzschádelige Menschen durcb'
einander gemischt und in verschiedener Anzahl. Die hellen Individuen sind höher und
1 Antropologiske Forhold paa Færöerne. Geogr. Tidskrift, 21. Bd., 1911—12, 251—2 5^'
On the Physical Anthropology of the Færoe Islanders. Journal of the Royal Anthro-
pological Institute of Great Britain and Ireiand, 42. Bd., 1912.
82