Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 5
sagt, daB Neid und Eifersucht auf Island lange Zeit allgemeine Laster gewesen
seien.
Das Herrentum hat daher hierzulande, wo immer der Herrenanspruch des einen
den des anderen zu unterdrúcken versucht hat und im besten Falle nur ein be-
waffneter Friede herrschte, einen harten Stand gehabt. Auf der anderen Seite
waren die allgemeinen Lebensbedingungen infolge der geringen Bevölkerungs-
zahl und der Armut des Landes zumeist so eng und ungiinstig, daB dem groB-
zúgigen und groBgesinnten Menschen auch in den besten Zeiten verháltnismaBig
enge Schranken gesetzt waren. Solange es möglich war, versuchte man sich
Ruhm und Ansehen in anderen gröBeren Lándern zu erringen, aber auch dazu
reichten in den Zeiten des Niedergangs bei denmeistendieKráftenichtaus. Die
mangelnde Anerkennung und Einsatzmöglichkeit der zur Auswirkung drángen-
den Kráfte und Fáhigkeiten hat manchen Islánder zum Einspánner und Sonder-
ling gemacht.
Die Islánder haben also von der alten Zeit bis heute ihr angeborenes Herren-
tum niemals in der Weise voll befriedigen können, daB sie auch wie Herren und
Háuptlinge gelebt hátten. Der Ruhm, den sie in der alten Zeit als einen höchsten
Lebenswert priesen, ist fiir sie selbst ein Wunschbild geblieben. Sie haben nur
selten die Anregung und innere Erhebung erlebt, die von einem glánzenden Ge-
sellschaftsleben und dem Freudenrausch einer groBenVolksmenge ausgehen kann.
Sie sind durch alle Nöte gegangen, die nur je ein Volk bedrticken können. In die-
sem Kampf haben sie eine bewundernswerte Záhigkeit bewiesen. Kein noch so
schwerer Schicksalsschlag hat in ihnen den Funken des Geistes auszulöschen ver-
mocht, die Liebe zum menschlichen Geist, zum Wissen und zur Kunst. Sie haben
das Wort des Dichters wahr gemacht, daB der zur Armut Verbannte den einen
Ausweg habe, das Edle und GroBe zu lieben. Diese Liebe und Leidenschaft hat
ihren Geist schöpferisch und fruchtbar erhalten. Sie hat ihnen ermöglicht, im
Verháltnis zur Volkszahl mehr geistige Werte zu schaffen als irgendein anderes
Volk. Sie haben die geriiige Mannschaft einer jeden Generation dadurch ver-
stárkt, daB sie auf die Stimmen ihrer Vorfahren gehorcht haben als ob es Zeit-
genossen wáren. Ihre Vergangenheit hat zu allen Zeiten fortgelebt in ihrer Gegen-
wart. Daher können die Islánder mit dem alten Philosophen sagen: „Omnia mea
mecum porto.“ Dem Leben auf den weitverstreuten Höfen haben sie dadurch
viel von seiner Einsamkeit genommen, daB jeder einzelne mitzehrte von dem gro-
Ben geistigen Gemeinschaftsbesitz des V olkes; die Abgeschiedenheit ihrer Heimat-
insel haben sie dadurch wettzumachen versucht, daB sie von anderen Völkern
gelernt haben, wann und wo sich nur Gelegenheit dazu bot. In all diesen Dingen
sind sie sich selbst treu geblieben. Deswegen lebt ihr Volk auch lieute noeh.
(Ubers. von Reinhard Prinz)
97