Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 14

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nicht úbersehen, welch eine ungeheure Anstrengung ein Staat von 100000 Men- schen jedem einzelnen zumuten muB, um heute kulturell vollwertig zu erscheinen. Jedes Individuum muB zur Höchstleistung seiner geistigen und wirtschaftlichen Produktivitát angespornt werden, wenn ein so kleines Yolk sein kulturelles An- sehen behaupten oder gar steigern will. Der ruhige, selbstbewufitelndividualismus, derdemWesendesIslánderseigen ist, erfáhrt im heutigen Parteigetriebe eine bedeutende Anderung und Verschie- bung. Wáhrend das Individuum sich der Volksgemeinschaft verbunden fiihlt, wenn auch in einer dynamischen Spannung, steht die Partei in einem starren Gegensatz zum Ganzen, solange sie mit anderen Parteien um die Herrschaft ringt. Die kámpfende Partei, in ihrem Wesen enger und intoleranter als der Staat, láBt dem individuellen Freiheitssinn noch weniger Spielraum als dieser. Statt dessen entsteht ein fanatischer Partikularismus, der heute die islándische Kultur in zweierlei Hinsicht bedroht: einerseits in der Verletzung des individuahstischen Freiheitssinnes und der schöpferischen Selbstándigkeit, d. h. der produktiven Kulturkráfte des Volkes; andererseits durch die Förderung von Selbstsucht, Eng- stirnigkeit, Neid und Rechthaberei, die den Interessen der Volksgemeinschaft zu- widerlaufen. Zur Verdeutlichung dieser Gefahr ist der Begriff der Masse geeignet. Bis vor kurzem war diese Erscheinung in Island unbekannt. SelbstbewuBte, in der völkischen Kultur verwurzelte Persönlichkeiten können keine Masse bilden. Freier Besitz und ungestörtes Familienleben sind neben der Bildung die wirk- samsten Gegenkráfte im WerdeprozeB derMasse. Heute ist es aber so weit, daB die „Masse“ zur politischen Wirklichkeit in Island gehört. Es ist schwer ein- zusehen, wie die in sich uneinige und zerrissene Masse, die sich heute in der Hauptstadt Reykjavik bildet, als Trágerin und Schöpferin der islándischen Kultur wirken soll. Vielmehr scheint die Masse dahin zu neigen, die wahrhaft völkische Kultur zu miBachten, wáhrend sie mit offenen Armen von auBen kommende Strömungen aufnimmt, ohne zu prúfen, ob diese die nötigen Voraussetzungen in Island finden und ob sie auch zum Wohle Islands wirklich nötig sind. — Partei- wesen und Masse bedeuten also heute eine Gefahr fúr die Kulturgemeinschaft des islándischen Volkes, aber erziehende und schaffende Kráfte, selbstbewuBt und einsatzbereit, werden diese Gefahr úberwinden und beseitigen. Heute steht das islándische Volk am Scheidewege. Sich besinnend erkennt es, daB die Entwicklung der letzten Jahrzehnte irregefúhrt hat. Die glúckliche Span- nung zwischen der selbstbewuBten Persönlichkeit und der kulturschaffenden Ge- meinschaft innerhalb des Volksganzen, die als Kraftspender hinter jeder groBen Leistung des Islánders steht, ist weitgehend gebrochen oder zu einem fanatischen Partikularismus geworden. Jetzt scheint das einigende Band zu schwach zu sein. Die Schule der Technik war notwendig, denn Island soll kein bloBes Altertums- 106

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