Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 11
lástig und beschámend, sondern als eine Zeit des Ausruhens, in der man — wie
die Natur — zu kiinftigen Anstrengungen Kráfte sammelt.
Dies ist die Zeit des friedlichen Familienlebens und der volkhaften Kultur-
pflege. In solch ruhigen Wintermonaten wurden vor Jahrhunderten die Sagas,
diese zauberschönen Volksromane geschrieben. Jetzt werden sie in diesen Zeiten
gelesen und immer von neuem erlebt. In der eigenartigen Kulturpflege der is-
lándischen Familie haben die Sagas wie auch andere völkische Literatur ihren
Bildungswert glánzend bewiesen. Wáhrend die iibrigen Mitglieder der Familie
fleifiig handarbeiten, liest einer ihnen vor. Es herrscht lautlose Stille. Die schick-
salsschwere Erzáhlung bannt jedes Gemiit. Die erzáhlten Geschehnisse sind dem
Islánder unmittelbar nahe und hallen in seinem innersten Wesen wider. Durch-
gliiht und begeistert empfángt die Jugend die Ideale der Kiihnheit und Ehrlich-
keit, gewinnt sie Verstándnis fiir die Hárte und die Tragik des Lebens. Die Ein-
driicke der Sagas erschöpfen sich nicht im Gefiihl. Háufig wird der Vorleser unter-
brochen durch anregende Gespráche iiber das Gehörte. In dieser Weise gewinnt
jung und alt, ohne zu wissen wie, ein reifes Urteil iiber alles Menschliche. Da-
neben sind die Sagas jedem jungen Islánder ein unerschöpflicher Born der sprach-
lichen Bildung gewesen. Gleich Sigrid Undset hat mancher Islánder die Sagas als
erste Lesebiicher benutzt. Denn noch waren in Island die Eltern die natiirhchen
Erzieher ihrer Kinder, die Schule entweder gar nicht vorhanden oder doch sehr
unbedeutend. Von Mutter und Vater empfing das Kind die Grundziige der gei-
stigen Bildung, wie es von Mutter und Vater in die Bescháftigungen seiner natiir-
lichen Umgebung eingefiihrt wurde. Man denke deshalb niclit, daB es in Island
von Analphabeten gewimmelt habe! Deren gab es keine. Im Gegenteil; einige der
hervorragendenGeister sind als Kinder ausschlieBlich aus der geistigen Substanz
der Familie ernáhrt worden, ohne die Volksschule zu kennen. Von der Ganzheit
der Familiengemeinschaft umschlungen, wuchs die Jugend in das Volksganze
hinein.
Dieses Bild ándert sich wesentlich nach dem Einzug der Teclinik. Es ist inter-
essant, die Entwicklung an Hand bezeichnender Erscheinungen zu verfolgen. In
der Fischerei fiihren Dampfmaschine und Ölmotor die grundlegende Anderung
herbei. Die Segelschiffe weichen allmáhlich Dampfschiffen, die Ruderboote
schnellen Motorbooten. Nun braucht man auch nicht mehr zu warten, bis die
Schwárme in die Fjorde kommen; man fáhrt ihnen entgegen, fángt sie auf, er-
schöpft sie gánzlich oder hált sie wenigstens durch reichen Köder fest. So hören
die Fische auf, ihren regelmáBigen Besuch in den stillen Fjorden, vor dem Tor
der Bauernhöfe, abzustatten. Damit ist der kargen Wirtschaft mancher islándi-
schen Bauern eine Hauptstiitze entrissen worden. Diese drohende wirtschaftliche
Katastrophe wird háufig nur durch einen echten islándischen Sturm abgewendet,
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