Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 27
der Frau und ein paar Kindern, die vielleicht halbwiichsig waren. Der Geschafts-
inhaber in Kopenhagen hatte es mir strengstens verboten, Leuten wie ilim zu
leihen, und er schuldete uns auch mehr, als er jetzt bezahlen konnte.
,Er klopft nicht einmal an, der Kerl‘, sagte ich zu mir selbst.
Er sah etwas merkwiirdig aus. Ganz blaurot im Gesicht, was er sonst nicht zu
sein pflegte, die Augen eigenartig glanzend und doch triib. Er schien mir etwas
wacklig auf den Beinen.
,Besáuft sich der Kerl wáhrend der Hochernte beim besten Heuwetter 1 ‘,
dachte ich bei mir.
Der Doktor schien ihn nicht wiederzuerkennen.
„GriiB Sie Gott, mein Lieber! Womit kann ich Ihnen dienen ?“ fragte er.
,,Ich wollte bloB die vier Kronen haben“, sagte Thórdur.
„Welche vier Kronen ?“ fragte der Arzt.
Thórdur schárfte die Stimme.
„Die vier Kronen, die Sie mir schuldig sind.“
Es war nicht zu leugnen, daB ihm das Stehen schwerfiel.
Ich sagte zu mir selbst, daB der alte Kerl sich wie ein Schwein besoffen liátte.
Ich war dariiber erstaunt. Ich hatte niemals gehört, daB er besonders zum Trunk
neige. Er wohnte oben an der Halde, kurz oberhalb der Ortschaf t. Und ich begann
dariiber nachzudenken, woher er diesen Branntwein bekommen hatte. Bei uns
im Laden hatte er ihn nicht erhalten.
„Wie heiBen Sie ?“ fragte der Doktor.
„Ich? Wissen Sie nicht, wie ich heiBe? Erkennen Sie mich nicht? Thórdur.
Thórdur in Krókur. Ich möchte das Geld am liebsten gleich haben.“
„Ja, richtig, das stimmt. — Sie sind ja Thórdur in Krókur“, sagte der
Doktor. „Und Sie sind wieder auf ? Aber hören Sie, lieber Mann, ich bin
Ihnen nichts schuldig. Sie schulden mir eine Kleinigkeit, aber das hat nichts
zu bedcuten.“
„Das ist mir ganz gleich. Ich möchte am liebsten das Geld gleich haben“, sagte
Thórdur.
„Darf ich einen Augenblick Ihre Hand haben ?“ sagte der Doktor.
Thórdur reichte ihm die Hand, aber mir schien es, als wiiBte er nichts davon.
Er schaute in die Leere, als ob er iiber etwas ganz anderes nachdáchte —- oder
vielmehr, als ob er keine Gedanken im Kopf hátte.
Ich sah, dafl der Arzt sich nach seinem Handgelenk hinauftastete.
„Sie sind krank, mein Lieber“ sagte er.
„Krank ? Ja, natiirlich bin ich krank. -— Soll ich Ihnen die vier Kronen denn
jetzt bezahlen. Ich habe sie im Augenblick nicht.“
„Es handelt sich hier nicht um die Kronen, mein Lieber. Warum sind Sie in die-
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