Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 36

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 36
land gerade recht. Auf kleinen, schnellen Segelschiffen durchkreuzten sie die nordi- schen Meere, beunruhigten in wiisten Beute- zugen alle europáischen Kiisten und ent- deckten schon 500 Jahre vor Kolumbus Ame- rika. Um das Jahr 1000 herum legten sie in Neu-Fundland eine Siedlung an, die einige 100 Jahre bestand. Wir wissen iiber die Be- siedlung Islands ganz genau Bescheid (!!),...“ Die angebliche und die wirkliche Vertraut- heit mit den Quellen gehen hier etwas sehr stark auseinander. Zwei Seiten spater laCt der Verfasser sich von dem alten Bauern auf Hlídarendi die Geschichte von Gunnar (den er als Vorfahren des Bauern bezeichnet) er- záhlen. Es ist nicht sehr schlimm, wenn da- bei dieses Kernstiick der Saga vom weisen Njal nicht ganz zu seiner Richtigkeit und zu seinem Recht kommt. Sehr falsche Vorstel- lungen aber erweckt es, wenn der Verfasser den alten Bauer auf die Frage, ob in Gun- nars altem Grabhiigel (der iihrigens nicht sicher zu bestimmen ist) noch die alten Waf- fen seien, antworten láBt: „Aber selbstver- stándlich! Wir schánden doch nicht die Grá- ber unserer Vorfahren wie ihr, die ihr erst froh seid, wenn jedes kleine Messerchen ta- dellos beschriehen und mit Katalognum- mern versehen in eueren Museen unter Glas steht.“ Tatsache ist, daC auf Island die weni- gen auffindbaren Graber seit 50 Jahren nicht weniger untersucht worden sind als bei uns und daB man selhst auf den islándischen Bauernhöfen kaum nochein altes Stuck beson- deres Gerát oder Schnitzwerk findet, weil alles in die Sammlungen, in erster Linie in die Landessammlung in Reykjavík gebracht worden ist. Das Verháltnis des Islánders zu seiner Vergangenheit ist sehr ehrf iirchtig, aber ganz unsentimental. Solche falschen Bei- spiele wie dieses betonen immer wieder eine „wikinghafte“ und báuerliche Primitivitát, wie sie — wiederum bei aller Natur- und Jen- seitsverbundenheit des Islánders — gerade nicht zu den Kennzeichen des wirkhchen Is- lándertums gehört. So liegt es auch nieht „bloB an der wirtschafthchen Lage“, wenn der alte Pferdekampf auf Island „heute nur noch in Liedem besungen wird“. Es ist das kamerad8chafthche Verháltnis des Islánders zum Tier und gerade zu seinem Pferd, das es ihm heute schlechthin unmöglich erscheinen lassen wiirde, zwei Pferde zum Zweikampf aufeinanderzuhetzen. Zu sehr irrigen Vorstellungen können die von Herrmann (S. 101) angegebenen Preis- und Ausfuhrziffern islándischer Eischerei- erzeugnisse fuhren. Er errechnet u. a. fur eine islándische Heringsfabrik mit Direktoren, leitenden Ingeniemren und 63 Arbeitern einen Tagesgewinn von 30000 RM., indem er den Sack Eischmehl mit 21 RM. und die Tonne Tran mit 210 RM. Fabrikpreis ansetzt! In Wirkhchkeit betrug der Fabrikpreis fiir den Sack Heringsmehl im Sommer 1935 10 Kr., das sind noch keine 7 RM.! Auch die aus dem Konjunkturjahr 1928 angegehenen Ausfuhr- ziffem haben sich in den letzten Jahren be- deutend nach unten hin verschoben. Bei Zahlen und anderer Tatsachenmathematik istdie Lupe der Gewissenhaftigkeitdenndoch wohl angebracht! Bedauerhch ist, daC die islándischen Orts- namen auch dieses Buches zum gröBten Teil ungenau wiedergegeben und damit dem von ahen Forschern und ahen an die Karte ge- wöhnten Reisenden bestgehaCten Teufel der MiCverstándnisse und Fehheitungen ausge- setzt sind. Statt Hlidarendi(Hlídarendi)steht Hhsarendi; statt ArnarfeU—Arnafeh, statt Fiskivatn—Fiskevatn (gemeint sind auCer- dem die Fiskivötn); statt Sprengisandur— Sprengissandur; statt Markarfljót—Markar- fljöt; statt Peningaschlucht—Pengarschlucht. Es ist in diesen Dingen, gerade inhezug auf Island, so maClos viel gesiindigt worden, daC es endlich an der Zeit ist, hier ahgemein et- was mehr Sauberkeit einzufuhren und solche Auffordemng nicht mit dem Gegenvorwurf phUologischer Spitzfindigkeiten abzutun.Das verlangt auch schon der Anstand gegeniiber jedem Gastland; die Islánder sind auBerdem besonders empfindhch fiir aUe Verhunzungen ihrer Sprache und sprachhchen Bezeichnun- gen. Erfreulich an dem Buch sind die 64 BUd- tafeln. Die BUder sind fast allo gut, als Auf- nahmen und Auswahl. Sie vermeiden jede Effekthascherei. Ausgezeichnet sind die Köp- fe, vor aUem auch die der Islánder. Ein Prachtstiick ist die Aufnahme der islándi- schen Pferdo (S. 84); in dem Zusammenspiel 128

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