Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 33
gliihen beginnen. Die Muckenseebauem sitzen mit am lángsten von allen islándischen Bauern
auf ibren Höfen; ihre Heimatlandschaft láBt sie nicht los.
An einem Abend miissen wir Abschied nehmen von ihnen. Auf dem groBen Hof Reykjahlíd
(Rauchhalde) stehen, es ist eine Stunde vor Mitternacht, die Tiiren gedrángt voll von Kin-
dern, Frauen und Mannern. Jedem einzelnen muB man zum Abschied die Hand geben. Dann
singen wir ihnen ein paar deutsche Lieder. Als wir aufhören wollen, kommt einer der Mánner
und bittet uns, doch das Deutschlandlied zu singen. Das klingt dann mit einer seltsamen
Macht, die uns selbst ergreift, in die islándische Sommernacht hinein.
Dieser Nachtmarsch hat es in sieh. Wir marschieren immer genau NO, nach KompaB oder
Gebirgsmarken ohne Weg und Wegzeichen auf den gröBten islándischen Wasserfall zu, den
DettifoB. Die náchthch aufgehende Sonne strahlt die Berge mit einem uberwirklichen Licht
an und láBt die Gletscherkappe eines gewaltigen Felsturmes rot aufglimmen. Spáter beginnt
es zu regnen. Der eine oder der andere denkt manchmal etwas sehnstichtig an unsere Pferde,
die wir in Akureyri zurúckgelassen haben. Nach gut acht Stunden schlángeln wir uns in eine
öde Steinwúste hinein. GroBe Gesteinsbrocken liegen in wildem Gemenge zwischen senkrecht
abgeságten Felsmauern. Dumpfes Brausen und aufstáubende Wasserschleier lenken uns an
die Stelle, wo der Wasserfall tiber eine breite Felsstufe 60 Meter tief in die Schlucht hinabdon-
nert. Die gewaltige Strommasse ist in der oberen Hálfte des Falles aufgefaltet in eine breite
Reihe einzelner Wasserstráhnen, in deren drángend-stúrzendem Spiel das gebannte Auge sich
immer wieder zu verwirren droht. Die untere Hálfte ist ein brodelndor Kessel von wildem
Gischt und hochfliegendem Wasserstauh. Man muB sich zusammennehmen, um an diesem
regentrúben Morgen, nach der Anstrengung des Marsches und nur mit einem Stúckchen Scho-
kolade im Magen dieser felsigen und brandenden Urgewalt der Erde standzuhalten. Als wir
weiterziehen, regnet es noch immer. Verpflegung wird nicht ausgegeben. Wir marsehieren in
einem Zuge durch bis zu dem náchsten 17 Kilometer entfernten Hof im Norden. Die Bauers-
leute, die hier auf Svínadalur, drei Wegstunden von ihrem Nachbarhof entfernt, in groBer
Einsamkeit leben, nehmen uns sehr freundlich auf. Sie merken es uns wohl an, daB wir
13 Stunden ununterbrochen unterwegs gewesen sind. Aher wir werden uns noch öfter erfreuen
können an solchen Entfernungen und Márschen, an solchem Auf und Ab durch Schluchten,
Sumpfe, Steinwusten, Wildbáche und kleine Flusse und an solchem schnell wechselnden
Wetter. Auf dem Hofe finden wir ein Gedicht úber den DettifoB, durch das ein junger Ar-
beitsmann aus dieser Gegend einst seinen ersten dichterischen Ruhm bei seinen Landsleuten
erwarb. Der Inhalt der letzten Strophe ist ungefáhr dieser: Schlafen will ich unter deinem
Wogensturz, wenn ich endhch tot niedersinke; dort in der Einsamkeit, wo niemand úber
meiner Leiche eine Tráne weint; und wenn tiber anderen Toten die Trauergemeinde ihre
Klagelieder singt, tiber mein Grab sollst du brausend hinweglachen mit deiner ewig-riesischen
Urgewalt.
Die westliche Hálfte der Nordkúste umfahren wir auf dem Seewege und lernen dabei in
mehreren Háfen den groBen Betrieb der islándischen Heringsfischerei kennen. Die Westkuste
hinunter ziehen wir dann wieder zu FuB, soweit es sich unsere Gastgeber nicht nehmen lassen,
uns ein paar Stunden auf ihren besten Pferden wegzubringen oder wir tief einschneidende
Förden mit Segel- und Motorbooten tiberqueren. Mit einem Motorboot, das uns mehrere
Stunden durch die wuchtigen Felsenburgen des Eisfördentiefs fáhrt, erreichen wir an einem
Spátnachmittag die Rauchspitze (Reykjanes): eine nach dem Meere zu abfallende Felszunge
zwischen zwei Förden, mit Grasplátzen und Wiesenmooren und einigen heiBen Quellen auf
der áuBeren Spitze. An den heiBen Quellen hat ein deutscher Landwirt eine Gártnereisied-
lung angelegt. Ernst Fresenius ist einer von den Deutschen, die noch vor 10 Jahren ihre
deutsche Heimat verlassen haben, weil sie ihnen keinen selbstándigon Besitz versprechen
konnte. Als wir auf seinen kleinen Siedlerhof rúcken, ist die ganze Familie sprachlos vor
Freude und Staunen. Es dauert nicht lange, dann sind wir mitten drin im Betrieb. Henrik
schwillt geradezu vor freudiger Aufregung, daB er endlich wieder einmal eine Kuh zu melken
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