Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 32

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 32
Stromes heben sich deutlich die gemiihten Hauswiesen und die hellen Gehöfte vieler groBcr und kleiner Bauernhöfe heraus. Machtig gewiirfelt und mit breiten klaren Felsstirnen stehen dahinter die jenseitigen Berge. Spát am Abend miissen wir noch iiber den FluB. Das geht nicht ohne Fiihrung. Als wir auf dem nachstgelegenen, etwas ármlichen Hof anklopfen, ist der Bauer schon im Bett. Doch er steht sofort auf, begriiBt uns mit der freundlichsten Selbst- verstándlichkeit, holt sich ein Pferd von der Weide und reitet mit uns. Sicher lotst er uns auf Kreuz- und Querfurten durch den schwierigen FluB. Als ich ihm eine Bezahlung anbiete, lehnt er ebenso bestimmt wie freundlich ab. An seinem lierzlichen Hándedruck spiirt man, daB solcher Dank ihm lieber ist. In einem letzten scharfen Ritt iiber ebenes Grasland erreichen wir den Hof, den wir uns zur Bleibe ausersehen haben. Es ist nach Mitternacht. Das scheint die BegriiBung nur noch herzlicher und den sauber gedeckten Tisch nur noch reichlicher zu machen. Auf Vídivelhr hált man etwas auf alte islándische Gastfreundschaft. Den ganzen náchsten Tag noch und eine zweite Nacht bleiben wir auf diesem Hof. Nachbarn kommen, um aus deutschem Munde auch etwas von Deutschland zu erfahren und um deutsche Lieder zu hören, lieber zwanzig Lieder als zehn. Unsern Trumpf spielen wir aus, als wir zum SchluB die beiden islándischen Lieder singen, die wir gelernt haben. Das wird uns hoch angerechnet. Zwischen dem Singen — auch die Islánder singen uns vor — erzáhlt der eine der Nachbarn, und nach ihm dieser und jener aus der Gesellschaft, kleine Geschichten oder gibt Strophen, meist kunstgerecht geschiirzte Vierzeiler oder auch ganze Gedichte zum besten. Er scheint hierin unerschöpflich. Die drei Reifeprufungsanwárter staunen uber so viel Sprachkunst und Gedáchtniskraft, die doch auf Island noch etwas ganz Allgemeines sind. Das ist Volkskultur in edelstem Stoff, in reiner germanischer Muttersprache! Erst wer das erlebt hat, bekommt einen Begriff von dem „Land der Edda und der Sagas“. Man findet heute auf dem islándi- schen Bauernhof unter den vom Ausland hereinkommenden Kaffeegeschirren und anderen Hausgeraten den schlimmsten Kitsch. Tiefste Verachtung aber trifft den Versemacher, der eine kitschige Strophe oder auch nur einen schlechten Reim verbricht. Islándische Bauern sind nicht nur Herren auf iliren tagesrittgroBen Weidehöfen; sie sind auch Meister der Sprachkunst. Wie auf Vídivellir haben wir noch nachher auf vielen islándischen Bauernhöfen alte Freund- schaft mit Deutschland erneuert und neue erweckt. So sind wir heimisch geworden bei den islándischen Bauern, heimisch in dem Dichter- und Bauernland unserer groBen germanischen Heimat. Neben der Skagaförde sind wir mit den Bauern um den Muckensee (Mývatn) besonders vertraut geworden. Hier sind wir tagelang von einem Hof zum andern gezogen; auf dem Hofe Gardur wird uns zu Ehren der Alltag zum festlichen Sonntag gemacht. Die Miickenseeland- schaft ist Islands Márchenreich. Rings um den 10 Kilometer langen See liegen alte und junge Lavafelder; sie kriechen iiber den Boden wie ganze Heerziige schwarzer Schuppentiere oder sind in hochgetiirmter Brandung erstarrt. Man kann sieh nur schwer zurechtfinden in dem Gewirr von Höhlen, wilden Schlackenkratern, Trichtern, Briicken und anderen phantasti- schen Bildungen, die wie Tierköpfe oder Trolle oder Ruinen verfallener Burgen aussehen. Selbst aus dem See steigen Lava und Krater als bunte Inseln empor. Dichtes Gras, silberne Moose, wiirziges Birkengestriipp haben sich iiberall auf der Lava angesiedelt und so weithin aus dem toten Land viele gute Grasstiicke fiir gute Bauernsiedlungen und so etwas wie bunt- verwunschcne Gartenlandschaften gemacht. Dahinter aber erheben sich Hánge, schwarz und rot von Vulkanasche und leuchtend gelb von meterdick abgesondertem Sinter und Schwefel; und unablássig steigen aus diesen Hángen Dámpfe auf. tlppigster Pflanzenwuchs und scliwar- zeste Zerstörung drángen sich hier am Muckensee ineinander; der See selbst aber wimmelt von besten Forellen, und unzáhhge Entenschwarme tummeln sich in seinem Vogelparadies. Ein Ring práchtiger Berge hált diese Landsehaft fest umschlossen. Ihr stárkster Zauber er- wacht unterder spáten Sonne, wenn das perlmutterne Wasser die roten Wolken und die sil- berblauen Berge spiegelt und úber dem strahlenden Grún der Grasfláchen die Lavazacken zu 124

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