Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 19
zur Fischerei, wo nach der in diesem Jahrhundert stattgefundenen durchgreifen-
den Kapitalisierung dieses Wirtschaftszweiges GroBbetriebe und GroBunterneh-
mungen aufkamen, in der Landwirtschaft wegen der Bodenverhaltnisse und Be-
wirtschaftungsmethoden diese Betriebsform nach wie vor unbekannt geblieben.
Es sei denn, daB von Ansatzen zu landwirtschaftlichen GroBbetrieben in der in
den letzten Jahren in der Umgebung von Reykjavik entstandenen konzentrierten
Rinderzucht gesprochen werden kann. Gleichzeitig hat die umfangreiche Kon-
zentrierung des Grundbesitzes in den fruheren Zeiten eine riicklaufige Entwick-
lung erfahren, indem selbstándige Grundbesitzer an die Stelle der zahlreichen,
von der Kirche, dem König und wenigen groBen Grundbesitzern abhángigen
Páchter getreten sind, doch sind noch ca. 50% der Landwirte Páchter — gegen-
iiber rund 80 % um die Mitte des vergangenenJahrhunderts — davon zwei Drittel
auf denimPrivatbesitz sich befindenden Höfen. Um dieMitte des 18. Jahrhunderts
befand sich noch die Hálfte der gesamten Höfe des Landes im öffentlichen Besitz,
nach 100 Jahren oder um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war der Anteil dieser
auf ein Drittel reduziert, wáhrend er heute knapp ein Fiinftel oder 17% aus-
macht, von denen wiederum 10 % der Kirche gehören, die diese Höfe den auf dem
Lande tátigen Pfarrern zur Verfiigung stellt. Diese Umbildung in den landwirt-
schaftlichen Grundbesitzverháltnissen hat natiirlich in erheblichem Umfange zu
der in der letzten Zeit eingetretenen Verbesserung in der Lage der Landwirt-
schaft beigetragen. Immerhin miissen die Grundbesitzverháltnisse noch als un-
vorteilhaft fiir die Landwirtschaft bezeichnet werden, weil die Páchter, die meist
unter sehr kurzfristigen Pachtvertrágen stehen, in geringem Umfange das Risiko
von kostspiehgen Meliorationen und sonstigen Verbesserungen der Höfe iiber-
nehmen werden, zumal sie bei dem evtl. Verlassen derselben kaum auf eine ent-
sprechende Entschádigung von seiten der Grundeigentiimer rechnen diirfen.
Nach der Jahrhundertwende ging also das wirtschaftliche Úbergewicht immer
entschiedener auf die Fischerei iiber. Dieser Úbergang vollzog sich solange
áuBerst langsam, bis einer einigermaBen freien Entwicklung der wirtschaftlichen
Kráfte des Landes der Weg eröffnet worden war. Durch die durchgreifende Ka-
pitalisierung und der daraus folgenden Intensivierung des islándischen Fi-
schereibetriebes vor und hauptsáchlich nach der Jahrhundertwende war erst die
Möglichkeit gegeben, diese auBerordentlich reichen wirtschaftlichen Ertragsquel-
len des Landes auszuniitzen. Aus der aufbluhenden Fischerei entsprang neues Le-
ben, das die ganze Wirtschaft des Landes von Grund auf neugestaltete.
Die islándische Wirtschaft, die sich atomistisch aufbaute, einen vorwiegend
naturalwirtschaftlichen Charakter hatte und eigentlich nur ein Teil der dánischen
Wirtschaft war, entwickelte sich plötzlich zu einer Verlcehrswirt-
schaft, die sich in das System der Weltwirtschaft einreihte.
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