Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 30
Höhlen in den rötlich gelben Tuff gewaschen. Unzáhhge Vögel nisten in allen Nischen und
Furchen, groBe Raub- und Mantelmöven segeln kreischend um die kahlen KJippen. Hoch
uber den senkrechten Absturzen, auf den steilen Grashángen der Felsenköpfe, klettern wei-
dende Schafe herum. Gegeniiher, auf einer anderen Insel, unter den sanft und regelmaBig ab-
fallenden Hángen eines erloschenen Vulkans, liegt in buntem Gemenge die kleine Fischer-
stadt. Nebel kriecht feucht und grau um den Krater und iiber die Felsen. Aus dem von einer
Steinmole geschiitzten Fischerhafen kommt ein Motorkutter mit Lastkáhnen im Schlepp,
um Fracht und Fahrgaste auszubooten und an Bord zu bringen. Als die Boote lángsseit fest-
gemacht haben, wirft die Diinung sie wie NuBschalen an der Bordwand hinauf und hinunter.
Die Fahrgáste, die an Land wollen, werden von dem Ladebaum in einem groBen Gitterkorb
iiber Bord auf den Motorkutter hinuntergereicht. Da heiBt es den richtigen Augenblick ab-
passen. Plötzlich sackt das Boot weg, im náchsten Augenblick schieBt es nach oben. Man hört
unterdruckte Angstschreie und schmunzelndes Geláchter der Zuschauer. Aber die islandi-
schen Bootsfiihrer in ihrem triefigen ölzeug und mit ihrem gutmiitigen Lácheln haben einen
guten und festen Griff. Sie bringen jedes Stiick Fracht und jedes Stiick Mensch an seinen
sicheren Platz. Immer mehr Vögel kommen aus ihren Felsennestern und umkreischen dieses
rauhe Schauspiel. Regen rieselt dazwischen, Nebel schleifen tief, alles klebt von Feuchtigkeit,
unaufhörlich knirschen die Ladebáume... Abel freut sich aus tiefstem Herzen, daB dieser
Norden doch um einiges anders aussehen kann als auf dem himmelblauen Werbeplakat der
Reisegesellschaften.
Bei unserer Ankunft in Reykjavik empfangen uns deutsche und islándische Freunde mit
groBer Herzlichkeit. Wir werden alle in Familien untergebracht. In dem Hause von Oddur
Gudjónsson, der sich aus seinen Studienjahren in Kiel nicht nur den Doktortitel, sondern
auch eine deutsche Frau mitgebracht hat, ist unser Hauptquartier. Hier khngelt der Fern-
sprecher viele Male am Tage, um die Gruppe zusammenzuholen, um Zusammenkiinfte mit
Islándern abzumachen und Einladungen zu besprechen, um die wiBbegierigen Zeitungsleute
zu befriedigen und um Besuche und Besichtigungen vorzubereiten. Da die Zeitungen und der
Rundfunk, ganz ohne unser Zutun, unsere Ankunft und unseren Aufenthalt auf Island zu
einer öffentlichen Angelegenheit gemacht haben, kommen zu den zahlreichen Besuchen und
Einladungen bei den besten Freunden und Bekannten aus der Zeit meiner Islandjahre so
viele andere Verpflichtungen, daB wir Tag und Nacht (aber wo ist da bei den hellen Náchten
auch der Unterschied ?) in Bewegung sind. Doch sahen wir hierin ja eine Aufgabe, die Auf-
gabe, vor der jeder Deutsche heute an jedem Punkt der AuBenwelt steht; auch und gerade
auch im verwandten Norden, der trotz aller rassischen Verwandtschaft nur sehr langsam
die innere Fuhlung mit unserem neuen Deutschland gewinnt.
Eines Abends sitzen wir in dem groBen Gast- und Tanzraum des Hotels Borg: braunbe-
frackte Kellner, fast alle Frauen und Madchen auffallig geschminkt, Jazzkapelle und magisch
wechselndes Licht auf spiegelndem Parkett, tiirkische Zigaretten und spanische Weine. Bei
einer Unterhaltung mit den Begleitern der an diesem Tage gelandeten deutschen FuBball-
mannschaft, die in Reykjavik zum erstenmal einen Landerkampf gegen Island austrágt,
meint die Frau des deutschen Pressemanns ein wenig enttáuscht: „Ich hatte mir Island doch
ein wenig anders vorgestellt, dies kann man schlieBlich in Berlin auch haben!“ „Island ? Da
miiBten Sie schon mit uns kommen! Morgen abend um diese Zeit sind wir bereits tief im
Lande drin, sitzen wir im Sattel und reiten mitten in das Herz der groBen wilden Insel hin-
ein!“--------
Den letzten Hof haben wir schon am Morgen hinter uns gelassen. Wir wollcn quer iiber das
Hochland, von Siid nach Nord durch die ganze Insel die Nordkuste erreichen. Das sind vier
gute Tagesritte durch unbewohntes Land. Heute sind wir den ganzen Tag lang auf den mách-
tigen Eisscliild des Langgletschers zugerittcn. An seinem Rande stehen die Jarlshiite, drei
seltsam aufgeworfene Berge, die die schnell wechselnde Beleuchtung bald blauschwarz, bald
rötlichgrau absticht von dem weiBen Firn. Wir erleben liier zum orstenmal, wie die Klarheit
122