Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 29
Einige Tage spáter liátte er, wenn ihn jemand erreicht hátte, davon Zeugnis
ablegen können, ob sie richtig oder falsch sind, die neuesten Ansichten darúber,
wie- die Menschen den Tod empfinden.
Wer aber besorgt jetzt das Heuen bei ihm zu Hause ?
(tlbers. von Eidur Sigurdur Kvaran)
Islandfalirt 1935 / Tagebucliblátter
Von Reinhard Prinz
Unser Schiff „Island", ein danischer Pahrgast- und Erachtdampfer von nicht einmal einein-
halbtausend Tonnen, hat alle germanischen Völker an Bord: Deutsche, Danen, Norweger,
Schweden, Islander, Páringer und Englander. Es gibt keinen Ort, an dem man sich von Volk
zu Volk ungezwungener und freimiitiger iiber alle Dinge zwischen Himmel und Erde, auch
iiber Politik unterhalten kann als so ein kleines Sommerschiff mitten auf dem Atlantik. Das
macht das Wasser ringsum, das jeden Pluchtversuch aussichtslos erscheinen láCt; das macht
die niichterne Salzbrise, die alle Stickluft wegátzt und ungeheuerhche EClust erregt; das
macht die plötzhch auftauchende Diinung, die sich gern in den Eingeweiden des Menschen
fortsetzt und ihn an seine Gebrechhchkeit ermahnt. Diese unentfhehbare, von einer 80 Meter
langen Rceling umhegte Gemeinsamkeit der Schiffsgenossen in Preuden und Leiden ist ein
unvergleiehlich besseres Parkett fiir pohtische Gespráche und Verhandlungen als etwa Genf.
Der neue Völkerbund sohte ein Schiff auf hoher See als Tagungsort wáhlen; das Schiff aber
nicht gröCer als eineinhalbtausend Tonnen. Jungmannen, die lernen soUen, sich zwischen den
Angehörigen anderer Nationen zu bewegen, Meinungen und Stimmungen zu erspiiren und ge-
lassen ihren Mann zu stehen, sollte man viel auf kleine Schiffe sehicken, die zwischen den
Lándern verkehren. Wir fiinf haben in den fiinf Tagen Úberfahrt auf unserer ,,Island“ viel
beobachtet und gehört — und doch noch am meisten gesungen von allen, noch mehr sogar
als die islándische FuCbaUmannschaft. „... im Ernste wie im Scherze ...“, um so kráftiger
jo heftiger der Wind um die Briicke pfiff.
Hinter den Faröern sind wir im Bann der weiGen Náchte. Es wird nicht mehr dunkel.
Abends stehen wir lange ganz vorne im Bug, der noch immer geraden Kurs nacli Norden hat.
Tief unter uns, wo die Bugschneide das Wasser aufpfliigt und rauschend nach beiden Seiten
wirft, spielen zwei Delphine. Wie unter griinem, durchleuchtetem Glas gefangen, schieGen sie
blitzschneU hin und her, ohne die Pahrt des Schiffes zu verheren. Durch den nördhchen Him-
mel zieht sich ein heller Schein. Die See rollt breit und \vuclitig mit griinlich-weiGen Gischt-
kámmen. Meer und Himmel, Himmel und Meer, durchzogen von einer geheimnisvoUen HeUe.
Kiihler Wind von Norden, wie von Islands Gletschern her. Wem begönne sein Blut nicht zu
quirlen bei solcher Seefahrt! Dies ist der tausend Jahre alte Seeweg der Wikinger, die auf
ihren kleinen Schiffen Island, Grönland, Amerika ersegelten! Hier sind Jahrzehnt um Jahr-
zehnt die kiihnsten Hansekoggen nach Island gefahren. Wer diesen Weg fáhrt und sieli aucli
bei Nebel und Sturm Ueber auf als unter Deck herumtreibt, den iiberkommt unbándig dio
ewige menschliche Urlust, im Bug auf Wache zu stehen und neues Land zu erspáhen. Nur
wer auf dem Meere gewesen ist, weiC iiberhaupt, was Land ist.
Am friihen Morgen des fiinften Tages rasselt uns der niedergehende Anker aus dem kurzen
Schlaf. Am Abend vorher und in der Nacht hat Nebel die islándische Gletscherkiiste — bei
klarem Wetter einer der groGartigsten AnbUcko — undurchdringUch verhúllt. Auch jetzt ist
es noch so diesig, daG von der nahen Kuste nichts zu sehen ist. Wir liegen unter den hohen
senkrechten Felswánden der Westmannerinseln. Uberall haben die Brandungen Löcher und
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