Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Page 31
und Durchsichtigkeit der islandischen Luft auch die feinsten Linien und Umrisse in schárf-
ster Zeichnung hervortreten láCt und so alle gewohnten MaCe verriickt. Gegen Abend, als
wir den Blauen Berg endlich umritten haben, stoCen wir genau an der Báhrstehe auf den
WeiCfluC (Hvítá), kurz unterhalb seines Austritts aus dem Gletschersee. Wir treffen hier zu-
sammen mit einer anderen deutschen Expedition und mit zwei Dánen von einem Yermes-
sungstrupp des dánischen Generalstabes. Mit den Páhrbooten, von denen eins an jeder Seite
des Elusses hegt, wird alles Gepáck und ahes Sattelzeug iiber den stark strömenden FluG ge-
bracht. Mich fröstelt an diesem kiihlen Abend etwas bei dem Gedanken, daG ich vor genau
zwölf Jahren diesen EluC zusammen mit einem Kameraden durchschwommen habe. Als alles
hiniibergeschafft ist, werden die Pferde, im ganzen 20 Tiere, zusammengetrieben und mit lau-
tem Hallo ins Wasser gejagt. Sie stráuben sich erst vor der kalten, gletschergrauen Strö-
mung, aber dann schwimmen sie mit kiihn gerecktem Kopf und weiten Niistern an das jen-
seitige Ufer. Das ist ein práchtiges Bhd. Sofort wird wieder gesattelt, und nun fallen die bra-
ven Tiere nicht mehr aus dem Trab oder Galopp, bis wir nach einer Stunde die neuerbaute
Schutzhiitte auf der WeiGfluCspitze, einer der schönsten Landschaften Islands, erreicht ha-
ben. Vor der Hiitte dehnt sich griines Weide- und Sumpfland bis an die Ufer des groCen
WeiCflusses (Hvitárvatn). Aus dem Langgletscher, der sich breit und wuchtig im Hinter-
grund aufbaut, tritt mit steher Stirn ein blauschwarzer Bergkopf heraus. Auf beiden Seiten
dieser dunlden Eelsenburg stiirzen zwei Schreitgletscher in máchtigen Eiskaskaden und zu-
letzt in senkrechter, blaugriinschimmernder Wand in den See. Auf dem Wasser treiben groGe
Eisbrocken von den háufig kalbenden Gletschern. Im Siiden steht groC und breitköpfig der
Blaue Berg; zwischen seinen hohen starken Schultern trágt er einen mit blinkenden Schnee-
bándern bekranzten Felsensarg. Leuchtende Wolken ziehen an diesem Abend langsam durch
den hohen Himmel. Jenseits eines breiten Baches grasen die Pferde in kleinen Rudeln. Aus
den weiten Siimpfen kommen ferne Schreie der Whdschwáne und Graugánse durch die groCe
Stihe. Hehe Hochlandnacht im Norden: Feierstunde, in der die Macht der Erde auch die
letzte Kleinheit und Dumpfheit in uns iiberwáltigt.
Mitten auf dem „Kiel“, dem durch schmale Reitspuren oder Steinmanner gekennzeichne-
ten Wiistenweg zwischen den beiden Eismassiven des Lang- und des Hofgletschers brodeln
und dampfen am Rande eines groGen Lavafeldes viele heiCe Quehen. Als wir hier anlangen,
ist ahe Miidigkeit und verfrorene Steifheit nach einem sehr langen Tagesritt wie weggebla-
sen. Hier kann man kochen, warm waschen und warm baden nach Herzenslust! Uberah
zischt es von heiCen Dámpfen durch die groCe Sinterdecke, die sich im Laufe der Zeiten hier
abgelagert hat; in groCen kreisrunden öffnungen steht schiherndes Wasser von einer unwahr-
scheinhchen, zauberhaften Bláue. Wasser sprudelt kochend iiber den Rand schöngeformter
Sinterkegel, blubbert aus frischgebrochenen Löchern und rieselt in vielen Rinnsalen zu
einem warmen Bach zusammen. Da macht es uns nichts aus, daC der Abend kalt und
nebehg ist und wir mitten zwischen zwei groGen Gletschern liegen. Schnell ist ein HeiG-
wasserkochloch gefunden, und als die Pferde, an den VorderfiiCen gefesselt, auf den nahen
Grasplatz gebracht worden sind, ahes Sattelzeug verstaut und das Nachtlager geriistet
ist, da ist auch schon das Essen klar: Haferflocken mit Fleisch, gar und gut durchge-
kocht aus der heiGen Quelle gezogen. Am náchsten Morgen nehmen wir vor dem Abritt
in einer groCen, mit wohlig warmem Wasser gefuhten Mulde ein langes, unvergeCliches
Bad. Einer ist nur mit Gewalt wieder aus dieser Erehuftbadewanne herauszukriegen: er
erhofft von diesem Bad unter anderem auch eine wohltátige Wirkung fur seinen durch-
gerittenen Hintern.
Von einer herrlichen Weite, Freiheit, Abenteuerlichkeit und guten Anstrengung sind diese
Tago und Náchte auf dem Hochland, in treuer Kameradschaft mit den kleinen, stámmigen,
záhen Pferden. Es wird uns schwer, wieder abzusteigen zu den Siedlungen, so groGartig und
einladend an einem Spátnachmittag die schimmernde Meeresbucht und das breite Tal der
Skagaförde sich unter uns auch öffnet: aus grúnen Weiden zu beiden Seiten eines vielarmigen
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